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Wer jahrzehn­te­lang gewach­sene Soft­ware durch KI-Agen­ten ablösen lässt, ste­ht vor einem Prob­lem, das mit Code nur zur Hälfte zu tun hat. Der Sol­lzu­s­tand, an dem sich der Neubau messen lässt, wird in der Prax­is nicht gefun­den, son­dern zwis­chen IT und Fach­abteilun­gen ver­han­delt. Und jede Entschei­dung, welche Funk­tion nicht mehr über­nom­men wird, legt fest, was die Organ­i­sa­tion kün­ftig nicht mehr kann. Agen­ten machen das Ver­ler­nen schnell und bil­lig. Das Wieder­erler­nen bleibt langsam und teuer. Der Essay fragt, wer diese Entschei­dung trifft und woran er sie prüfen kann.


Die Beschreibung steckt im Code

Ob KI-Agen­ten das Argu­ment entkräften, dass sich gewach­sene Soft­ware kaum erset­zen lässt, ist offen. Sie kön­nen Ver­hal­ten schneller ver­gle­ichen und Tests in großer Zahl erzeu­gen. Das hil­ft aber nur, wenn es etwas gibt, an dem sich das neue Ver­hal­ten messen lässt. Bei jahrzehn­te­lang gewach­sen­er Net­zw­erk­soft­ware ist der Code oft die einzige voll­ständi­ge Beschrei­bung dessen, was das Sys­tem tut. Wer ihn erset­zt, muss entwed­er diese Beschrei­bung rekon­stru­ieren oder darauf ver­trauen, dass das Neue das­selbe tut. Bei­des ist eine Aus­sage über Tests und Ver­ant­wor­tung, nicht über Tokens.

Reverse Engi­neer­ing ist der Ver­such, die fehlende Beschrei­bung nachträglich herzustellen. Wo ein Sol­lzu­s­tand existiert, kön­nen Agen­ten dage­gen testen, schnell und in großer Zahl. In der Prax­is wird dieser Sol­lzu­s­tand aber nicht gefun­den, son­dern ver­han­delt: zwis­chen IT, Fach­abteilun­gen und anderen Beteiligten, mit unter­schiedlichem Gewicht und unter­schiedlichem Inter­esse. Was als Test­fall aufgenom­men wird, ist ein Kom­pro­miss, der Entschei­dun­gen anschlussfähig macht, aber nicht zeigt, ob er das Prob­lem trifft. Die Lück­en liegen dabei nicht zufäl­lig, son­dern dort, wo nie­mand zuständig ist oder wo die Abteilung mit dem Wis­sen wenig durch­set­zen kon­nte. Agen­ten kön­nen diese Ver­hand­lung verän­dern: Sie kön­nen Wider­sprüche und Aus­las­sun­gen sicht­bar machen, aber auch zum Instru­ment ein­er Seite wer­den oder die Beteiligten mit Test­fällen über­fordern. Ein bestanden­er Test belegt damit zunächst nur, dass der Neubau dem entspricht, worauf man sich geeinigt hat.

Der Bestand ist keine sichere Referenz

Dage­gen lässt sich ein­wen­den, dass der Bestand selb­st keine ver­lässliche Ref­erenz sei. Gewach­sene Sys­teme sind durch Ver­such und Irrtum ent­standen. Workarounds erset­zten die Mod­ernisierung der Gesamtar­chitek­tur, und irgend­wann überblickt nie­mand mehr das Ganze. Das Sys­tem läuft, aber nie­mand kann sagen, warum. Der Verzicht auf einen Neubau ist dann kein sicher­er Zus­tand, son­dern ein Risiko, das nur nicht sicht­bar wird.

Fred­er­ick Brooks hat in seinem Auf­satz „No Sil­ver Bul­let“ zwis­chen wesentlich­er und zufäl­liger Kom­plex­ität unter­schieden. Die wesentliche liegt im Prob­lem selb­st, die zufäl­lige in der Art, wie man es gelöst hat. Ein Neubau kön­nte die zufäl­lige abstreifen. Die Unter­schei­dung lässt sich aber aus dem Code allein nicht gewin­nen: Ein Workaround kann Alt­last sein oder das einzige Zeug­nis eines Falls, der ein­mal Schaden angerichtet hat. Neben den aus­ge­han­del­ten Sollfällen braucht es deshalb einen zweit­en Prüf­stein, und das kann der Betrieb sein, also der Ver­gle­ich von Alt und Neu am echt­en Verkehr, in dem jede Abwe­ichung erk­lärt und bew­ertet wird. Auch er ist keine neu­trale Instanz, denn er zeigt nur, was im Beobach­tungszeitraum vorkam, und was als Abwe­ichung gilt, hängt von den Beteiligten ab. Er deckt aber auf, was in der Ver­hand­lung nie­mand einge­bracht hat. Agen­ten kön­nen diese Abwe­ichun­gen in großer Zahl sortieren. Welche Abwe­ichung hin­nehm­bar ist, entschei­den sie nicht.

Software als verfestigte Entscheidung

Auch der Ver­gle­ich der Aus­gaben behan­delt das Sys­tem noch als Black Box, die Eingaben in Aus­gaben ver­wan­delt. Er prüft, ob die Soft­ware das­selbe tut, nicht, was sie in der Organ­i­sa­tion bewirkt.

Der Sozi­ologe Niklas Luh­mann beschreibt Organ­i­sa­tio­nen als Sys­teme, die aus Entschei­dun­gen beste­hen, die an Entschei­dun­gen anschließen. Was in ein­er Organ­i­sa­tion entsch­ieden wer­den kann, ist durch Prämis­sen vorstruk­turi­ert, etwa durch Pro­gramme, Kom­mu­nika­tion­swege und Per­son­al. Gewach­sene Soft­ware gehört in diesem Sinn zu den ver­fes­tigten Entschei­dun­gen. Sie legt fest, was sicht­bar wird, in welch­er Rei­hen­folge etwas geschieht und wer bei Abwe­ichun­gen ange­sprochen wird. Das ist eine Zus­pitzung der Luh­mannschen Begriffe und nicht seine Aus­sage über Soft­ware.

Vieles davon ste­ht in kein­er Anforderung. Der nächtliche Batch-Lauf ist auch eine Frist, in der mor­gens noch jemand kor­rigieren kann. Die umständliche Maske erzwingt die Rück­sprache zwis­chen zwei Abteilun­gen. Plau­si­bil­ität­sprü­fun­gen und Stan­dard­w­erte nehmen Entschei­dun­gen Unsicher­heit ab, sodass nie­mand mehr sieht, dass hier ein­mal jemand entsch­ieden hat. Und der Workaround ist oft die Stelle, an der die for­male Ord­nung und die tat­säch­liche A…

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