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Vor weni­gen Tagen erschien ein Forschungspa­pi­er, das einen KI-Agen­ten namens „Infin­i­ty Machine“ vorstellt. Der Autor, Har­ish San­thanalak­sh­mi Gane­san, hat das Sys­tem auf Auf­gaben ange­set­zt, bei denen sich die Antwort per Com­put­er­pro­gramm ein­deutig über­prüfen lässt, etwa bei math­e­ma­tis­chen Kon­struk­tio­nen, bei der Opti­mierung von Rechen­ver­fahren oder beim Entwurf eines Chip-Bausteins. Nach seinen Angaben hat der Agent in sechs Tagen und für rund 180 Dol­lar Rechenkosten mehrere Best­werte verbessert, darunter vier in der Quan­ten­in­for­ma­tion. Das klingt nach einem Durch­bruch. Span­nen­der ist aber, was das Papi­er darüber ver­rät, wie man einem solchen Agen­ten über­haupt trauen kann, und wo dieses Ver­trauen an Gren­zen stößt.


Wer Vorschläge macht, bewertet nicht

Der Grundgedanke ist ein­fach: Der Agent darf alles ändern, was seine Arbeitsweise bet­rifft, aber nichts, was seine eigene Beno­tung bet­rifft. Dafür ist das Sys­tem in zwei Teile getren­nt. Der eine Teil, der „Ker­nel“, ist fest ver­schlossen. Er enthält die Bew­er­tung­spro­gramme, das Bud­get, die Spiel­regeln und einen Teil der Test­dat­en, den der Agent nie zu sehen bekommt. Der andere Teil enthält Anweisun­gen, Werkzeuge und Noti­zen, die der Agent verän­dern darf.

Man kann sich das wie eine Prü­fung vorstellen. Die Teil­nehmer dür­fen an Übungsauf­gaben arbeit­en und sehen dafür eine Punk­tzahl. Benotet wer­den sie aber an anderen Auf­gaben, die sie vorher nie gese­hen haben. Wer nur die Übungsauf­gaben auswendig gel­ernt oder die Punk­tezäh­lung aus­get­rickst hat, fällt dann durch. Wer die Auf­gabe wirk­lich gelöst hat, beste­ht bei­de Teile.

Im vol­lau­tonomen Modus geht das Prinzip noch weit­er. Ein Agent sucht sich ein ungelöstes Prob­lem und schreibt selb­st das Prüf­pro­gramm dafür. Ein zweit­er Agent ver­sucht, dieses Prüf­pro­gramm auszutrick­sen. Ein drit­ter, der das Prüf­pro­gramm gar nicht ken­nt, kon­trol­liert das Ergeb­nis noch ein­mal unab­hängig. Im ersten Durch­lauf hat diese Kette tat­säch­lich eine falsche Mel­dung ver­hin­dert: Der Agent hielt einen Reko­rd für aktuell, der längst über­holt war. Der zweite Agent fand in ein­er öffentlichen Besten­liste bessere Lösun­gen.

Was nicht funktioniert hat

Der Titel ver­spricht ein „selb­stverbessern­des“ Sys­tem. Dafür gibt es bis­lang keinen Beleg, und das schreibt der Autor selb­st. Der einzige Verbesserungsvorschlag, den das Sys­tem sich selb­st gemacht hat, wurde von der einge­baut­en Kon­trolle abgelehnt, weil er gut dop­pelt so teuer gewe­sen wäre (Fak­tor 2,02, erlaubt war höch­stens 1,5). Alle berichteten Erfolge stam­men vom Aus­gangszu­s­tand. Die wirk­sam­sten Verbesserun­gen am Ver­fahren hat der men­schliche Bedi­ener von Hand einge­baut.

Auch an ander­er Stelle ist das Papi­er ungewöhn­lich ehrlich. In vier Fällen haben die Agen­ten Schwächen der Bew­er­tung aus­genutzt, statt die Auf­gabe zu lösen. Ein Beispiel: Sie ließen Zahlen aus dem Mod­ell ver­schwinden, indem sie sie fest in den Pro­gramm­text schrieben, und melde­ten dann eine gerin­gere Para­me­terzahl. In zwei dieser Fälle hat­ten die Agen­ten den Trick vorher selb­st in ihren Arbeit­sno­ti­zen erwäh­nt. Das genaue Lesen dieser Noti­zen ist deshalb ein ein­fach­es und wirk­sames Mit­tel, solche Tricks früh zu erken­nen. Geholfen haben nach Angaben des Autors weniger bessere Anweisun­gen an die Agen­ten, son­dern der ver­bor­gene Test­daten­satz und das gezielte Prüfen der Prüf­pro­gramme.

Der Fehler, den keine Kontrolle bemerkte

Am lehrre­ich­sten ist ein Fehler, den keine der einge­baut­en Kon­trollen fand. In einem der vol­lau­tonomen Läufe hat­te der Agent die Punk­teskala verkehrt herum definiert: Das schlechtere Ergeb­nis bekam die volle Punk­tzahl, ein besseres wäre schlechter bew­ertet wor­den als der Aus­gangspunkt. Die Kon­trollen prüften, ob das Prüf­pro­gramm richtige Lösun­gen annimmt und falsche ablehnt. Ob die Punk­te aber in die richtige Rich­tung laufen, prüfte nie­mand. Selb­st der Agent, der das Prüf­pro­gramm kon­trol­lieren sollte, las die Skala so, wie sie gemeint war, und nicht so, wie sie tat­säch­lich eingestellt war.

Das lässt sich ver­all­ge­mein­ern: Jede Kon­trolle beruht auf eige­nen Annah­men, und wer prüft diese? Eine weit­ere Kon­trolle braucht wiederum eine Kon­trolle. Der Kreis lässt sich nur durch­brechen, indem man eine ander­sar­tige Prü­fung hinzufügt. Der Autor will kün­ftig genau diese Rich­tung­sprü­fung ergänzen.

Die Grenze: was sich überhaupt prüfen lässt

Das ganze Ver­fahren funk­tion­iert nur, wo ein Pro­gramm ein­deutig sagen kann, ob eine Lösung stimmt. Für Fra­gen ohne so eine automa­tis­che Prü­fung, etwa in Wirtschaft oder Organ­i­sa­tion, hil­ft es nicht weit­er. Und auch in diesem Papi­er ist der Men­sch nicht ver­schwun­den, seine Entschei­dung hat sich nur ver­lagert: Der Bedi­ener wählte die Prob­leme aus, schrieb die meis­ten Prüf­pro­gramme und kon­trol­lierte jedes Ergeb­nis auf seinem eige­nen Rech­n­er nach. Alle drei vol­lau­tonomen Läufe ende­ten damit, dass der bish­erige Reko­rd nur einge­holt, aber nicht übertrof­fen wurde. In zwei davon hat­te der Bedi­ener sog­ar fest­gelegt, in welch­er Tabelle gesucht wer­den soll.

Vor­läu­fig lässt sich daher sagen: Das Papi­er zeigt weniger, dass sich ein Agent selb­st verbessert, als dass es sich lohnt, Vorschla­gen, Bew­erten und Regelän­dern auf ver­schiedene Stellen zu verteilen. Es zeigt aber auch, dass diese Aufteilung ihre eige­nen blind­en Fleck­en hat. Zur Einord­nung: Es han­delt sich um eine einzelne Veröf­fentlichung, die noch kein unab­hängiges Gutachter­ver­fahren durch­laufen hat. Sie stützt sich auf einen Bedi­ener, ein Agen­ten­mod­ell und ein bis drei Durch­läufe pro Auf­gabe, ohne Wieder­hol­un­gen. Einzelne Ergeb­nisse hat der Autor selb­st eingeschränkt, etwa den Ver­gle­ich beim Rout­ing-Ver­fahren, der nicht mit gle­ich­er Rechen­zeit erfol­gte, oder den Chip-Entwurf, der nur auf einem Sim­u­la­tion­s­mod­ell beruht und nicht auf einem real gefer­tigten Chip.

Ralf Keu­per


Quellen
  • Gane­san, H. S.: Infin­i­ty Machine: a self-improv­ing AI agent for research, arXiv:2610.35579, 26. Okto­ber 2026. Abstract · PDF

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