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Wann ist ein KI-Sys­tem ein Agent? Der Infor­matik­er Krish­na Gum­ma­di antwortet: nicht durch das Mod­ell, son­dern durch das Regel­w­erk, in das es einge­bet­tet ist. Seine Exper­i­mente zeigen, was geschieht, wenn Agen­ten Befug­nisse erhal­ten, ohne dass jemand regelt, wer im Zweifel was zu tun hat. Ein Blick auf ein Inter­view, das die Sicher­heits­de­bat­te um KI-Agen­ten von der Mod­el­lqual­ität auf die Frage nach Zuständigkeit­en ver­schiebt.


Wer über KI-Agen­ten spricht, spricht meist über Mod­elle: wie groß sie sind, wie gut sie schlussfol­gern, ob sie hal­luzinieren. Krish­na Gum­ma­di, Direk­tor am Max-Planck-Insti­tut für Soft­waresys­teme in Saar­brück­en, set­zt an ander­er Stelle an. In einem Inter­view, das die Max-Planck-Gesellschaft am 14. April 2026 veröf­fentlicht hat, stellt er eine ein­fache Frage: Woher kommt die Hand­lungs­fähigkeit eigentlich?

Seine Antwort ist unspek­takulär und ger­ade deshalb fol­gen­re­ich. Ein Sprach­mod­ell sei für sich genom­men ein neu­ronales Netz, das nichts tut. Aktiv werde es erst durch die Rechenumge­bung, in die es einge­bet­tet ist, also durch das Regel­w­erk, das die Entwick­ler ein­er Plat­tform fes­tle­gen. Er ver­gle­icht das Mod­ell mit dem Motor eines Autos, der ohne Kraft­stoff, Getriebe und weit­ere Kom­po­nen­ten nicht viel aus­richtet. Wie hand­lungs­fähig ein Sys­tem ist, hänge davon ab, wie viel Ver­ant­wor­tung und Macht ihm eine bes­timmte Architek­tur überträgt.

Der Gate-Agent und die Befugnis

Zur Ver­an­schaulichung dient ihm der Mitar­beit­er am Flughafen-Gate. Wer bei einem Prob­lem im Regel­w­erk nach­schlägt und genau das tut, was dort ste­ht, führt einen Algo­rith­mus aus. Wer dage­gen die Befug­nis hat, in ein­er nicht voll­ständig geregel­ten Sit­u­a­tion selb­st zu entschei­den, besitzt Hand­lungs­fähigkeit. Der Unter­schied liegt nicht in der Intel­li­genz der Per­son, son­dern in dem, was die Organ­i­sa­tion ihr zugeste­ht.

Das ist ein organ­i­sa­tion­s­the­o­retis­ch­er Gedanke, auch wenn Gum­ma­di ihn als Infor­matik­er for­muliert. Die Organ­i­sa­tion­ssozi­olo­gie ken­nt die Unter­schei­dung zwis­chen Kon­di­tion­al­pro­gram­men, die auf eine Sit­u­a­tion mit ein­er fest­gelegten Hand­lung antworten, und Zweck­pro­gram­men, die ein Ziel vorgeben und die Wahl der Mit­tel offen­lassen. Der Gate-Agent im ersten Fall ist ein Vol­lzug­sor­gan, im zweit­en ein Entschei­der. Überträgt man das auf KI-Agen­ten, wird sicht­bar, was sich in den ver­gan­genen zwei Jahren geän­dert hat: Sys­teme, die früher nur aus ihrem eige­nen Para­me­ter­wis­sen antworteten, greifen heute nach eigen­em Ermessen auf Werkzeuge zu, auf Such­maschi­nen, Taschen­rech­n­er, Textver­ar­beitung und Hun­derte weit­ere. Mit jedem dieser Zugriffe wächst der Entschei­dungsspiel­raum, und mit ihm die Frage, wer ihn begren­zt.

Eine Kette von Entscheidungen

Was dabei entsch­ieden wird, macht Gum­ma­di am Beispiel ein­er einzi­gen Web­suche deut­lich. Das Mod­ell muss befind­en, ob es über­haupt suchen soll oder aus dem Gedächt­nis antwortet. Es muss Such­be­griffe wählen. Und es muss entschei­den, welchen der gefun­de­nen Infor­ma­tio­nen es traut. Das alles geschieht auf Grund­lage ein­er kurzen Beschrei­bung des Werkzeugs. Dass damit über­haupt Sin­nvolles her­auskommt, nen­nt er über­raschend, die Grund­la­gen der Sys­teme aber „außeror­dentlich wack­e­lig“.

Wie wack­e­lig, hat seine Gruppe getestet, indem sie Werkzeu­gant­worten abf­ing und manip­ulierte. Einem Rechen­werkzeug schoben die Forsch­er falsche Ergeb­nisse unter. Eines der Mod­elle merk­te, dass etwas nicht stimmte, schätzte nach und kam zu dem Schluss, das Ergeb­nis sei falsch. Dann über­legte es, ob es das dem Nutzer sagen solle, und entsch­ied sich für die Weit­er­gabe, weil der Nutzer es vielle­icht bess­er wisse. Es gab die Antwort also weit­er, obwohl es sie für falsch hielt. In einem zweit­en Test meldete ein Wet­ter­w­erkzeug für Boston „85 Grad Cel­sius“. Das Mod­ell ver­mutete einen Ein­heit­en­fehler, kor­rigierte auf Fahren­heit und lieferte damit eine Antwort, die intern plau­si­bel wirkt und für einen Feb­ru­artag in Boston trotz­dem nicht stim­men kann. Die Kor­rek­tur erfol­gte ohne jeden Anker außer­halb des Textes.

Bei­de Fälle verbindet, dass es an der entschei­den­den Stelle keine Regel gibt. Wer warnt, wenn ein Werkzeug offenkundig Unsinn liefert? Wessen Ver­ant­wor­tung ist es, Quellen zu gewicht­en, wenn ein Fachjour­nal und ein Influ­encer einan­der wider­sprechen? Gum­ma­di fragt, ob ein Sys­tem über­haupt eine Vorstel­lung von Ver­trauenswürdigkeit hat, ver­gle­ich­bar dem Page Rank der Such­maschi­nen. Solange das ungek­lärt ist, trifft das Mod­ell die Entschei­dung impro­visiert, und die Ver­ant­wor­tung wan­dert stillschweigend zum Nutzer, der von der Impro­vi­sa­tion nichts weiß.

Der Assistent ohne Beziehungswissen

Am schärf­sten wird das Prob­lem dort, wo Agen­ten im Namen eines Men­schen mit anderen verkehren. Per­sön­liche Assis­ten­ten wie Open­Claw laufen auf dem eige­nen Gerät, haben Zugriff auf E‑Mails, Kalen­der, Dateien und Mes­sen­ger und kön­nen in dessen Namen schreiben. Gum­ma­di schildert, wie ein­er sein­er Stu­den­ten dem Agen­ten sein What­sApp über­ließ, mit nichts als dem Hin­weis auf zwei Fre­unde und deren Inter­essen. Der Agent begann zu schreiben, sog­ar mit Spitz­na­men. Gum­ma­di nen­nt das faszinierend und beängsti­gend zugle­ich.

Beängsti­gend wird es, wenn man die Sekretärin daneben­stellt. Seine Büromi­tar­bei­t­en­den wis­sen, was sie über ihn preis­geben dür­fen und was nicht, und sie wür­den eine unangemessene Anfrage zurück­weisen. Dazu braucht es ein Wis­sen über Beziehun­gen: wer wem was schuldet, wer im Namen wessen spricht, wo ein Auf­trag endet. Der Agent hat dieses Wis­sen nicht. In Gum­madis Gruppe gelang es, einem Agen­ten Infor­ma­tio­nen aus Chats zu ent­lock­en, und ein anderes Grup­pen­mit­glied kaperte den Assis­ten­ten eines Kom­mili­to­nen: Ein Drit­ter lud ihm Auf­gaben auf, die weit über den Auf­trag hin­aus­gin­gen, bezahlt von dem, dem der Agent gehört.

Hier liegt der Kern des Prob­lems. Es fehlt eine Man­dats­gren­ze. Der Agent unter­schei­det nicht ver­lässlich zwis­chen dem, für den er han­delt, und denen, mit denen er ver­han­delt. Die Plat­tform Molt­book, auf der Agen­ten untere­inan­der kom­mu­nizieren, hält Gum­ma­di für die End­stufe dieser Del­e­ga­tion: min­i­male Vor­gaben, max­i­male Autonomie. Dass dort viele per­sön­liche Infor­ma­tio­nen abgreif­bar sein dürften, ver­mutet er, belegt es aber nicht.

Gestaltbar, aber von wem?

Gum­ma­di lässt die Debat­te über Bewusst­sein, Absicht­en und all­ge­meine Intel­li­genz bewusst bei­seite, weil sich diese Begriffe kaum oper­a­tional­isieren lassen. Er hält es für ergiebiger, auf die Architek­turen zu schauen, über die Men­schen den Sys­te­men Hand­lungs­fähigkeit geben. Wenn uns etwas nicht gefällt, kön­nten wir sie anders gestal­ten, und mas­siv schiefge­hen könne es nur, wenn wir ein katas­trophal schlecht­es Sys­tem bauen. Dass Men­schen mitunter in diese Rich­tung steuern, räumt er selb­st ein.

Dieser Opti­mis­mus ver­di­ent Zus­tim­mung und eine Rück­frage. Zus­tim­mung, weil die Ver­lagerung vom Mod­ell auf das Regel­w­erk tat­säch­lich hand­hab­bar­er ist als die Frage, was in einem neu­ronalen Netz vorge­ht. Die Rück­frage bet­rifft das Wort „wir“. Gestal­ten kann die Architek­tur, wer sie baut und betreibt. Diejeni­gen, deren Dat­en, Kon­ten und Man­date betrof­fen sind, haben diese Gestal­tungs­macht in der Regel nicht. Wie schw­er der Schritt von der Norm zur Umset­zung ist, deutet Gum­ma­di selb­st an: Vorschriften ver­lan­gen, dass große Plat­tfor­men auf sys­temis­che Risiken geprüft wer­den, aber wie das tech­nisch geschehen soll, sei offen. Für Agen­ten gilt das erst recht.

Wo die Regel hinge­hört, ist damit die eigentliche Frage. Ein Regel­w­erk, das ein Agent nur von außen aufge­set­zt bekommt, lässt sich umge­hen, über­stim­men oder durch geschick­te Anfra­gen aushe­beln. Ein Regel­w­erk, das Teil der Kon­sti­tu­tion des Agen­ten ist, also fes­tlegt, in wessen Auf­trag er han­delt, wem gegenüber er auskun­ft­spflichtig ist und wann er einen Zweifel melden muss, wäre etwas anderes. Gum­madis Befunde sprechen für diese zweite Rich­tung, auch wenn er sie nicht so nen­nt.

Arbeit, Verteilung, offene Rechnungen

Zur Arbeitswelt äußert sich Gum­ma­di am Beispiel seines eige­nen Fachs. Agen­ten übernäh­men inzwis­chen die Pro­gram­mierung samt Architek­tur, er selb­st arbeite ein Mehrfach­es schneller, und in Unternehmen könne eine Per­son viele erset­zen. Zugle­ich sieht er eine Demokratisierung, weil nun auch Men­schen ohne Pro­gram­mierken­nt­nisse ihre Ideen umset­zen kön­nen. Zur Frage, wer die Abhängigkeit von weni­gen Anbi­etern trägt, spekuliert er über Zugang als Grund­ver­sorgung und über eine Besteuerung von Token, falls dem Staat mit den Arbeit­splätzen die Ein­nah­men weg­brechen. Er markiert das selb­st als wilde Speku­la­tion, die von der Macht­struk­tur abhängt. Man sollte es auch so lesen: als Denkanstoß eines Infor­matik­ers, nicht als Befund.

Was bleibt

Die Stärke des Inter­views liegt in der Ver­schiebung der Frage. Sicher­heit von Agen­ten ist dem­nach zuerst eine Frage nach Zuständigkeit­en, Man­dats­gren­zen und Warnpflicht­en und erst danach eine nach der Qual­ität des Mod­ells. Die Gren­zen der Quelle sollte man dabei im Blick behal­ten. Es ist ein Inter­view, die zen­trale Unter­suchung zu den Werkzeu­gaufrufen ist nach Gum­madis Angabe noch unveröf­fentlicht, die Beispiele stam­men aus Tests mit einzel­nen Mod­ellen und aus Studieren­den­pro­jek­ten. Wie häu­fig und wie sys­tem­a­tisch die beschriebe­nen Fehlreak­tio­nen auftreten, lässt sich daraus nicht able­sen. Auch dass sich die Fehlstellen als fehlende insti­tu­tionelle Ein­bet­tung deuten lassen, ist vor­läu­fig und müsste an weit­eren Fällen geprüft wer­den. Ein Agent, der nur so viel wert ist wie die Ord­nung, in der er han­delt, bleibt bis dahin eine Hypothese, aber eine, die erk­lärt, warum diesel­ben Mod­elle in der einen Umge­bung brauch­bar und in der anderen riskant sein kön­nen.

Ralf Keu­per


Quellen

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