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Anemoi, AgentFly und die Frage, wer in Agentensystemen die Prämissen setzt
Modulare Agentensysteme mit semi-zentraler Steuerung gelten als nächster Architektursprung der KI. Ob Unternehmen davon profitieren, entscheidet sich weniger an der Technik als an der Frage, wer die Regeln setzt, nach denen Agenten sich abstimmen, und wer sie fortschreiben darf.
Ausgangspunkt
Statt auf ein immer größeres Modell zu setzen, verteilen neuere Systeme die Arbeit auf spezialisierte Agenten, die sich zum Teil direkt untereinander abstimmen. Anemoi und AgentFly sind zwei Beispiele aus dem Sommer 2025. Beide werden meist als Architekturfortschritt gelesen. Hier interessiert die organisatorische Seite: Was geschieht mit einer Organisation, in der Koordination nicht mehr allein über Hierarchie, Stellenbeschreibung und dokumentierten Prozess läuft, sondern zwischen Agenten entsteht?
Was die Quellen tatsächlich zeigen
Anemoi: ein verhandelbarer Plan bei festen Rollen
Anemoi (Ren u. a., Coral Protocol und beteiligte Hochschulen, arXiv, August 2025) ist ein „semi-zentralisiertes” Multi-Agenten-System. Ein Planner erstellt zu Beginn einen Plan und stößt die Zusammenarbeit an. Danach können alle Agenten über einen gemeinsamen Kommunikationsserver direkt miteinander sprechen, den Fortschritt bewerten, Engpässe benennen und Planänderungen vorschlagen. Die Besetzung ist festgelegt: der Planner, drei Worker (Web, Dokumente, Reasoning und Coding), ein Critique-Agent, der Zwischenergebnisse prüft, und ein Answer-Finding-Agent, der die Antwort einreicht. Vor der Abgabe stimmen die Agenten über die Kandidatenlösung ab. Die Rollen sind vorab definiert; die Autoren führen die Instanziierung in ihrem Systemvergleich ausdrücklich als „vordefiniert”. Agenten entstehen also nicht von selbst, und auch die Kommunikationswege legen die Konstrukteure fest.
Zur Einordnung des Ergebnisses: Auf dem GAIA-Benchmark (Validierungsset) erreichen die Autoren 52,73 Prozent (pass@3), mit einem kleinen Modell als Planner. Der Vergleichswert von gut 43 Prozent stammt aus einer selbst nachgebauten Variante des Systems OWL. Die Studie wurde von Coral Protocol gefördert, dessen Kommunikationsserver sie verwendet. Dem Vorsprung von 25 zusätzlich gelösten Aufgaben stehen 10 gegenüber, die nur OWL löste. Von den 25 führen die Autoren selbst vier von zehn auf Zufallsverhalten der Worker zurück und gut die Hälfte auf die gemeinsame Verfeinerung. „Klein” gilt zudem nur für den Planner; die Worker laufen auf GPT-4o. Aufschlussreich für die organisatorische Lesart ist die Fehleranalyse: Rund jeder zehnte Restfehler entsteht, weil ein beschäftigter Agent nicht antwortet und die anderen ihn umgehen.
AgentFly und Memp: Erfahrung außerhalb des Modells
AgentFly (Zhou u. a., arXiv, August 2025; in Besprechungen auch Memento genannt) trennt Planner und Executor und lässt den Agenten aus einem externen Fallspeicher lernen. Erfolge und Misserfolge werden abgelegt, eine gelernte Auswahlregel bestimmt, welche Fälle bei neuen Aufgaben herangezogen werden. Die Modellparameter bleiben unverändert. Laut den Autoren erreicht das System auf dem DeepResearcher-Datensatz 66,6 F1 und 80,4 PM; bei Aufgaben außerhalb der Trainingsverteilung bringt der Fallspeicher 4,7 bis 9,6 Prozentpunkte.
Memp (Fang u. a., arXiv 2025, Findings of ACL 2026) geht einen Schritt weiter: Erfahrungen werden zu Schritt-für-Schritt-Anweisungen und zu skriptartigen Abstraktionen verdichtet. Dieser Bestand wird laufend aktualisiert, korrigiert und aussortiert. Ein Speicher, der mit einem stärkeren Modell aufgebaut wurde, hebt auch schwächere Modelle (getestet auf TravelPlanner und ALFWorld).
Beide Ansätze verlagern Erfahrung aus den Modellparametern in einen externen Speicher. Dass dieser Speicher dezentral zwischen Agenten verteilt wäre, geben die Quellen nicht her.
Drei Typen von Agenten und wo diese Systeme stehen
Der institutionell situierte Agent versteht Agenten nicht als isolierte Rechenleistung, sondern als Akteure innerhalb einer Ordnung. Dabei lassen sich drei Typen unterscheiden: der regelgebundene Agent führt vorgegebene Regeln aus, der regelintelligente legt sie situationsgerecht aus und wendet sie an, der regelentwerfende erzeugt Regeln selbst. Als Bezugspunkt dient Niklas Luhmanns Organisationssoziologie (Organisation und Entscheidung, 2000): Organisationen steuern Entscheidungen über Entscheidungsprämissen, nämlich Programme, Kommunikationswege und Personal, gebündelt in Stellen.
Auf dieser Folie lassen sich die Systeme einordnen, vorläufig und als These:
- Anemoi liegt beim regelintelligenten Typ. Stellen (die Rollen) und Kommunikationswege (der Thread-Server) setzen die Konstrukteure. Verhandelbar wird das Programm, der Plan. Der Planner verliert dabei seine Stellung als alleinige Planungsinstanz, ohne dass die Struktur selbst zur Disposition stünde.
- AgentFly und Memp bewegen sich in Richtung des regelentwerfenden Typs. Wo ein System aus eigener Erfahrung Verfahrensanweisungen verdichtet, korrigiert und verwirft, schreibt es seine Entscheidungsprogramme selbst fort. Die Grenze: Was als Erfolg gilt, bestimmt weiterhin das Rückmeldesignal von außen.
Was das für Unternehmen bedeutet
- Verantwortung. Wenn ein Plan aus der Abstimmung mehrerer Agenten hervorgeht, lässt sich das Ergebnis keiner einzelnen Stelle mehr zurechnen. „Eine Stelle, eine Verantwortung” greift nur noch für die Ebene, auf der die Prämissen gesetzt werden.
- Kontrolle. Critique-Agent und Abstimmung sind Kontrolle, die in die Architektur eingebaut ist, nicht nachgelagert. Offen bleibt, wie unabhängig sie ist. Wenn alle Worker auf demselben Modell laufen, sind korrelierte Fehler denkbar (eine Überlegung, kein Befund der Studie).
- Dokumentation. Der Erfahrungsspeicher übernimmt, was bisher Arbeitsanweisung und Prozessbeschreibung leisteten, nur wird er vom System selbst geschrieben. Technisch ist das Aussortieren vorgesehen; organisatorisch fehlt noch die Antwort, wer Einträge freigibt, prüft und löscht.
- Zuständigkeit. Direkte Kommunikation und Umgehung beschäftigter Agenten verschieben informelle Wege ins System. Aus Organisationen ist das bekannt: Wo der Dienstweg zu langsam ist, entsteht ein anderer, und die Zuständigkeit wandert mit.
Grenzen der Evidenz
Alle genannten Ergebnisse stammen aus Benchmarks mit abgegrenzten Einzelaufgaben, teils von Autoren mit Eigeninteresse am System. Belege für den Einsatz in Unternehmen mit Hierarchie, Haftung und gewachsenen Prozessen fehlen. Die organisatorische Lesart ist deshalb eine Übertragung und vorläufig.
Offene Frage
Wenn ein System seine eigenen Entscheidungsprogramme fortschreibt: Wer autorisiert diese Fortschreibung, und wem gegenüber ist sie begründungspflichtig?
Ralf Keuper
Quellen
- Ren, X. u. a.: Anemoi: A Semi-Centralized Multi-agent System Based on Agent-to-Agent Communication MCP server from Coral Protocol. arXiv:2508.17068. https://arxiv.org/abs/2508.17068 (Code: https://github.com/Coral-Protocol/Anemoi)
- Zhou, H. u. a.: AgentFly: Fine-tuning LLM Agents without Fine-tuning LLMs. arXiv:2508.16153. https://arxiv.org/abs/2508.16153 (Code: https://github.com/Agent-on-the-Fly/AgentFly)
- Fang, R. u. a.: Memp: Exploring Agent Procedural Memory. arXiv:2508.06433. https://arxiv.org/abs/2508.06433(Findings of ACL 2026: https://preview.aclanthology.org/ingest-acl/2026.findings-acl.866/; Code: https://github.com/zjunlp/MemP)
- Luhmann, N.: Organisation und Entscheidung. Wiesbaden 2000.
