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Die Überschrift der KfW-Studie Mittelständische KI-Nutzer sind erfolgreicher ist eine Behauptung, die Studie selbst ist vorsichtiger. Wer nur den Titel und die Zusammenfassung liest, nimmt mit: Mittelständler, die Künstliche Intelligenz nutzen, wachsen stärker, verdienen mehr und arbeiten produktiver. Dabei steht schon auf der zweiten Seite, in der Übersicht über den Forschungsstand, dass genau das offen ist: Die KfW räumt dort ein, es sei wissenschaftlich unklar, ob die ermittelten Zusammenhänge kausal auf die KI-Nutzung zurückgehen oder ob generell erfolgreichere Unternehmen KI häufiger einführen. Danach kommt der Punkt weder im Fazit noch bei den Politikempfehlungen wieder vor. Die Fußnote 10 verweist auf eine Arbeit von Daron Acemoglu, dem MIT-Ökonomen und Nobelpreisträger von 2024, und Kollegen, die die Frage schon im Titel stellen: „Advanced Technology Adoption: Selection or Causal Effect?”
Diese Frage entscheidet, ob die politische Schlussfolgerung der Studie trägt. Die KfW leitet aus den Befunden ab, Unternehmen sollten durch politische Maßnahmen zum KI-Einsatz ermutigt werden. Das setzt voraus, dass der Einsatz die bessere Performance erzeugt. Die Daten zeigen zunächst nur, dass beides gemeinsam auftritt.
Was gemessen wurde
Grundlage ist die 23. Welle des KfW-Mittelstandspanels, erhoben im Frühjahr 2025. Gefragt wurde, ob ein Unternehmen im Zeitraum 2022 bis 2024 KI genutzt hat. Ja oder nein, mehr nicht: Es gibt keine Angabe zu Einsatzzweck, Intensität oder Einführungszeitpunkt. Verglichen werden die Kennzahlen des Jahres 2024. Nach Bereinigung gehen zwischen rund 4.400 (Umsatzrendite) und rund 6.200 Antworten (Umsatzwachstum) in die Rechnung ein.
Die Ergebnisse für ein „typisches” mittelständisches Unternehmen: KI-Nutzer wachsen im Schnitt um 1,1 Prozentpunkte stärker, erzielen eine um 0,9 Prozentpunkte höhere Umsatzrendite (4,5 statt 3,6 Prozent) und eine um 7,6 Tausend Euro höhere Arbeitsproduktivität je Vollzeitkraft, rund 3,4 Prozent. Beim Wachstum bedeutet das ein Plus von 0,4 Prozent gegenüber einem Minus von 0,7 Prozent.
Das sind kleine Abstände in einem schwierigen Jahr. Sie sind sauber ermittelt, aber sie sind keine Größenordnung, die einen Strukturbruch anzeigt.
Wer sich die Kontrollvariablen anschaut
Die Autoren rechnen eine ganze Reihe möglicher Erfolgstreiber heraus: Größe, Alter, Branche, Rechtsform, Absatzmarkt, Akademikeranteil, Innovationstätigkeit und Bonität. Die Bonität wird dabei als Stellvertreter für Managementqualität gelesen, weil ein langfristiger Geschäftserfolg ohne gutes Management nicht erreichbar sei.
An dieser Stelle liegt das eigentliche Problem. Eine gute Bonität ist nicht nur Ursache, sondern auch Ergebnis von Wachstum und Rendite. Sie misst Vergangenheit, und was in der Vergangenheit liegt, korreliert mit der Gegenwart, ohne sie zu erklären. Wer außerdem Innovationstätigkeit und Digitalisierungsgrad im Unternehmen ohnehin hoch hat, setzt KI eher ein. Die KfW selbst hatte in einer früheren Studie (Nr. 533, 2026) gezeigt, dass KI vor allem in Unternehmen mit hohen Innovations- und Digitalisierungsaktivitäten genutzt wird. Ein Teil dessen, was hier „KI-Effekt” heißt, dürfte also die Eigenschaft sein, die ein Unternehmen überhaupt erst zum KI-Nutzer macht.
Der Halo-Effekt im Messinstrument
Das Muster, das hier wirkt, hat einen Namen. Der Wirtschaftswissenschaftler Phil Rosenzweig beschreibt in seinem Buch „The Halo Effect … and the Eight Other Business Delusions That Deceive Managers” (2007), wie Urteile über die Qualität eines Unternehmens vom Ergebnis eingefärbt werden: Läuft es gut, gelten Führung, Kultur und Strategie als vorbildlich, läuft es schlecht, als mangelhaft. Die Ursache wird aus der Wirkung erschlossen und erklärt dann die Wirkung.
In der KfW-Studie begegnet dieser Zirkel an zwei Stellen. Die erste ist die Kontrollvariable. Die Bonität soll Managementqualität abbilden, weil ein langfristiger Geschäftserfolg ohne gutes Management nicht erreichbar sei. Gemessen wird damit aber zunächst vergangener Erfolg, und der hängt mit dem Erfolg des Jahres 2024 ohnehin zusammen. Was auf diese Weise „herausgerechnet” wird, lässt sich von außen nicht sagen, es kann zu viel oder zu wenig sein.
Die zweite Stelle ist das Antwortverhalten, und hier handelt es sich um eine Vermutung, nicht um einen Befund. Die Frage nach der KI-Nutzung in den Jahren 2022 bis 2024 wurde im Frühjahr 2025 rückblickend gestellt, ohne dass festgelegt war, ab wann etwas als KI-Nutzung zählt. Wer gut dasteht, versteht sich eher als fortschrittlich und antwortet eher mit Ja, auch wenn die Praxis nur aus dem gelegentlichen Einsatz eines Textassistenten besteht. Ein Unternehmen mit schwachen Zahlen ordnet dieselbe Praxis womöglich als nicht der Rede wert ein. Dann enthielte die Variable „KI-Nutzung” bereits ein Stück Performance, bevor sie mit Performance verglichen wird. Prüfen ließe sich das nur mit objektiveren Maßen für den tatsächlichen Einsatz.
Beides spricht nicht gegen die Studie als Bestandsaufnahme, wohl aber für die Selektionsdeutung aus Fußnote 10. Hinzu kommt ein Halo auf der Leserseite: Die Überschrift „KI-Nutzer sind erfolgreicher” klingt plausibel, weil wir Erfolg und Modernität ohnehin zusammendenken, und wird deshalb selten hinterfragt.
Die Spreizung und ihre zwei Lesarten
Interessanter als die Durchschnitte ist der Blick auf die Verteilung. Mit der Quantilsregression untersucht die Studie den Zusammenhang nicht nur am Mittelwert, sondern an jeder Stelle der Verteilung. Das Ergebnis: Ein statistisch abgesicherter Zusammenhang mit dem Umsatzwachstum zeigt sich im Wesentlichen erst ab dem 60-Prozent-Quantil, also bei Unternehmen, die ohnehin wachsen. Dort steigt die Differenz von 0,7 Prozentpunkten auf 7,6 Prozentpunkte im obersten Quantil. Bei der Rendite ist der Zusammenhang nur bei einem knappen Fünftel der Unternehmen mit hoher Rendite signifikant, ab etwa 11 Prozent Umsatzrendite. Bei der Produktivität reicht er über eine breite Spanne vom 2- bis zum 75-Prozent-Quantil.
Die KfW deutet das als Hinweis darauf, dass KI derzeit zu einer Spreizung der Unternehmensperformance beiträgt. Das ist eine mögliche Lesart. Die andere ist ebenso naheliegend: Starke Unternehmen setzen KI wirksamer ein oder setzen sie überhaupt erst ein, weil sie Daten, Fachkräfte und Management mitbringen. Dann verstärkt nicht KI die Unterschiede, sondern die Unterschiede bestimmen, wer von KI etwas hat. Die Daten lassen beides offen. Die Studie selbst vermutet, wachsende Unternehmen setzten KI eher offensiv ein, etwa im Marketing, schrumpfende eher für Rationalisierung. Auch das ist eine Vermutung, die sich mit dem Datensatz nicht prüfen lässt.
Zwei methodische Anmerkungen gehören dazu. Erstens vergleicht die Quantilsregression Positionen in der Verteilung, nicht dieselben Unternehmen; wenn das Papier von „Anteilen der Unternehmen mit nachweislich positivem Zusammenhang” spricht, liest es Quantile wie einzelne Firmen. Zweitens fehlende Signifikanz ist kein Nachweis für fehlenden Effekt, und bei rund hundert Quantilen und einem 90-Prozent-Konfidenzintervall ist zu erwarten, dass einzelne Quantile aus reinem Zufall herausfallen oder hineinrutschen.
Die J‑Kurve als Universalerklärung
Die Studie stützt sich auf die Idee einer J‑Kurve der Produktivität, wie sie Erik Brynjolfsson und Kollegen für Allzwecktechnologien beschrieben haben und wie sie der Wirtschaftshistoriker Paul A. David 1990 am Beispiel des elektrischen Dynamos gezeigt hat: Erst kosten Investitionen und Lernen Leistung, dann zahlt sich die Technik aus. Daraus folgt für die KfW, dass künftig mehr Unternehmen profitieren dürften, weil viele noch nicht im ansteigenden Teil der Kurve angekommen seien.
Das Argument ist bequem, weil es fast jedes Ergebnis aufnimmt. Wären die KI-Nutzer schlechter gewesen, hätte man den Anlaufverlust im Tal der Kurve verbucht. Sind sie besser, ist es der Effekt. Sind einzelne Gruppen nicht besser, sind sie noch nicht oben. Dazu kommt ein innerer Widerspruch: Wer 2022 bis 2024 eingestiegen ist, müsste nach der J‑Kurve eher im Tal liegen, nicht schon vorn. Dass die Nutzer 2024 bereits besser dastehen, passt dann eher zur Selektionsdeutung als zur Wirkungsdeutung.
Was „KI nutzen” eigentlich heißt
Die KfW verweist selbst auf ihre Studie Nr. 554, wonach im Mittelstand einfach zu handhabende Technologien mit breiten Einsatzgebieten überwiegen. Wer im Fragebogen „Ja” ankreuzt, setzt vermutlich überwiegend Textassistenten, Übersetzung oder Standardfunktionen in Büroanwendungen ein. Dann misst die Variable weniger eine Technologie als eine Haltung: Offenheit, Experimentierfreude, Digitalisierungsgrad. Die Politikempfehlungen am Schluss, also Qualifizierung, Infrastruktur, praktikabler Datenschutz, höherer Digitalisierungsgrad und Engagement des Managements, sind sinnvoll, könnten aber unter fast jeder Digitalisierungsstudie der letzten zehn Jahre stehen. Aus den hier ermittelten Zahlen folgen sie nicht.
Was man festhalten kann
Die Studie liefert eine ordentliche Bestandsaufnahme: In einem großen Mittelstandspanel gehen KI-Nutzung und bessere Kennzahlen im Jahr 2024 zusammen, am deutlichsten bei der Produktivität, am schwächsten bei der Rendite. Das ist ein Ausgangspunkt, kein Nachweis. Ob KI Unternehmen erfolgreicher macht oder ob erfolgreiche Unternehmen KI einsetzen, lässt sich mit einem Querschnitt nicht beantworten. Dafür bräuchte es Daten über die Zeit, Informationen zu Einsatzzweck und Intensität und idealerweise eine Variation, die nicht von der Qualität der Unternehmen abhängt. Die KfW sagt am Ende selbst, es handle sich um eine Momentaufnahme. Das ist der ehrlichste Satz der Studie, und er hätte in die Überschrift gehört.
Ralf Keuper
Quellen:
- KfW Research (Zimmermann, V.), Fokus Volkswirtschaft Nr. 558, „Mittelständische KI-Nutzer sind erfolgreicher”, 15. September 2026
- Acemoglu, D. et al. (2023): Advanced Technology Adoption: Selection or Causal Effect? AEA Papers and Proceedings 113, S. 210–214 (zitiert nach Fußnote 10 der KfW-Studie)
- Brynjolfsson, E. et al. (2021): The Productivity J‑Curve, American Economic Journal: Macroeconomics 13(1), S. 333–372 (zitiert nach Fußnote 17)
- Rosenzweig, P. (2007): The Halo Effect … and the Eight Other Business Delusions That Deceive Managers, Free Press
- David, P. A. (1990): The Dynamo and the Computer, American Economic Review 80(2), S. 355–361 (zitiert nach Fußnote 18)
- KfW Research, Fokus Volkswirtschaft Nr. 533 und Nr. 554 (zitiert nach Fußnoten 15 und 25)
