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Ein Positionspapier mit 22 Autorinnen und Autoren, das sich selbst ein Manifest nennt, muss einiges wagen. „Social Physics: A Manifesto” tut das, und es tut es mit Augenmaß. Es versteht Social Physics nicht als Anspruch, die Gesellschaft in Naturgesetze zu fassen, sondern als quantitative, empirisch prüfbare Erforschung kollektiven menschlichen Verhaltens: mit Netzwerkforschung, agentenbasierten Modellen, großen Datensätzen und Experimenten. Das Spektrum reicht von Finanzmärkten und ökonomischer Komplexität über Meinungsbildung, Mobilität und Städte bis zu dem, was die Autoren Mensch-KI-Ökosysteme nennen.
Für eine Plattform, die sich mit KI-Agenten und Institutionen beschäftigt, ist vor allem der letzte Teil interessant. Dort stellt sich eine Frage, die das Papier berührt, aber nicht abschließend beantwortet: Wer setzt eigentlich die Regeln, nach denen sich die beschriebene Dynamik entfaltet?
Was das Manifest bereits leistet
Zunächst verdient das Papier Anerkennung für seine Selbstkritik. Es nennt bequeme, aber unrepräsentative Stichproben, die Abhängigkeit von Plattformdaten, schwache Kausalidentifikation, überzogene Universalitätsansprüche und die Gefahr, dass Vorhersagemodelle zu Instrumenten der Manipulation werden.
Bemerkenswert ist zudem, wie ausdrücklich Institutionen vorkommen. Schon in der Einleitung werden Institutionen, Identitäten, Macht und Normen als konstitutive Kausalstrukturen bezeichnet, nicht als Störgrößen, die man herausmittelt. Unter den künftigen Forschungsfeldern steht ein eigener Punkt zur Funktion von Institutionen. Er hält fest, dass die Social Physics Agenten bisher häufig auf festen Netzwerken modelliert hat, und fordert, künftig zu untersuchen, wie Institutionen Netzwerke erzeugen, Kategorien festlegen, Entscheidungen durchsetzen und selbst umstritten werden. Das Papier benennt die eigene Lücke also selbst.
Auch bei der Governance bleibt es nicht bei Absichtserklärungen. Es fordert dauerhafte öffentliche Dateninfrastrukturen, damit der Zugang zu gesellschaftlich folgenreichen Plattformen nicht vom Wohlwollen der Betreiber abhängt, und eine Beteiligung von Forschenden, Datenhaltern, Regulierern und betroffenen Öffentlichkeiten. Außerdem trennt es Steuerbarkeit im mathematischen Sinn von legitimer Steuerung: Dass sich ein System kontrollieren lässt, heißt nicht, dass man es kontrollieren darf.
Wo die Frage offen bleibt
Weniger ausgearbeitet ist, was mit Agenten geschieht, die nicht bloß innerhalb einer Institution handeln, sondern an deren Regeln mitwirken. Im Abschnitt über Mensch-KI-Kooperation heißt es, KI-Agenten hätten gestaltete Zielfunktionen, trainierte Dispositionen, Ressourcenkosten und institutionelle Prinzipien; sie seien weder eine autonome Spezies noch ein neutrales Werkzeug. Das ist die Sicht der Betreiber: Der Agent ist ein gestaltetes Artefakt innerhalb gegebener Regeln.
Man kann an dieser Stelle drei Typen unterscheiden. Regelgebundene Agenten führen vorgegebene Regeln aus. Regelintelligente Agenten wenden Regeln auf Situationen an, die diese nicht ausdrücklich vorsehen, und interpretieren sie dabei. Regelentwerfende Agenten verändern oder erzeugen Regeln für sich oder für andere. Das Manifest behandelt Agenten im Wesentlichen als Fälle der ersten und zweiten Art. Gerade die dritte Art wirft aber die Frage auf, die die Social Physics ihrem eigenen Programm nach beantworten müsste: Was bedeu…
