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Gartner erwartet, dass bis 2027 ein erheblicher Teil der Agenten-Vorhaben wieder eingestellt wird. Eine aktuelle Meldung macht daraus die Abschaltung oder Rückstufung in 40 Prozent der Unternehmen. Der Unterschied ist mehr als eine Frage der Formulierung. Er zeigt, wie Kontrolle in den aktuellen Befragungen gedacht wird: als nachträglicher Eingriff, als Notbremse für Agenten, deren Regeln von außen kommen. Für Agenten, die Regeln selbst auslegen oder entwerfen, trägt dieses Modell nicht.
Was die Befragungen zeigen
Die Befunde, die derzeit kursieren, sind erstaunlich einheitlich. Dataiku hat 685 CIOs befragt: 84 Prozent sagen, ihre Beschäftigten bauten Agenten und Anwendungen schneller, als die IT Vorgaben dafür erlassen kann. Nur 21 Prozent haben volle Kostentransparenz, und zwei Drittel trauen sich nicht zu, Agentenentscheidungen gegenüber Aufsichtsbehörden lückenlos zu belegen. Thoughtworks kommt bei 3.200 CIOs auf 88 Prozent, die den Kontrollrahmen von der Nutzung überholt sehen, obwohl 70 Prozent bereits einen Chief AI Officer eingestellt haben.
Dass es um mehr als Wahrnehmung geht, zeigen zwei Erhebungen zum Betrieb. Optro berichtet aus 417 Prüfungsleitungen, dass in 34 Prozent der Organisationen ungenaue Agentenentscheidungen tatsächlich umgesetzt wurden; 30 Prozent erlebten ungewollte Aktionen, 25 Prozent Kontrollausfälle. JumpCloud stellt unter 250 IT-Leitern fest, dass 59 Prozent ihre Agenten nicht vollständig in die Identitäts- und Zugriffsverwaltung eingebunden haben. Fast drei Viertel sehen Abweichungen zwischen erlaubten und tatsächlich verifizierten Zugriffen.
Auf der Aufsichtsseite verlangt die britische Datenschutzbehörde ICO Auskünfte von Modellentwicklern, weil Agenten Schutzvorkehrungen umgangen haben, und sammelt in einer Konsultation bis zum 20. November 2026 weitere Nachweise. Auch hier lautet die Frage: Was lässt sich belegen?
Eine Zahl, die sich unterwegs verändert hat
Die Schlagzeile der Meldung stützt sich auf Gartner. Die ursprüngliche Prognose vom Sommer 2025 lautet aber anders: Mehr als 40 Prozent der Agenten-Projekte würden bis Ende 2027 eingestellt, genannt werden drei Gründe, nämlich steigende Kosten, unklarer Geschäftswert und unzureichende Risikokontrollen. In der aktuellen Wiedergabe sind daraus 40 Prozent der Unternehmen geworden, die Agenten herabstufen oder abschalten, weil Kontrolllücken erst nach Zwischenfällen im Produktivbetrieb sichtbar werden.
Das sind zwei verschiedene Aussagen. Die erste handelt von Vorhaben, die an Wirtschaftlichkeit und Risiko scheitern. Die zweite handelt von laufenden Systemen, die nach einem Vorfall zurückgenommen werden. Ob der Meldung eine neuere Gartner-Aussage zugrunde liegt, lässt sich ihr nicht entnehmen; sie nennt keine Quelle. Als Beleg für die zweite Lesart taugt die Zahl daher nicht.
Kontrolle als Notbremse
Gemeinsam ist den Befragungen eine stille Annahme: Es gibt Regeln, und Governance heißt, sie durchzusetzen. Wo das nicht gelingt, bleibt als letztes Mittel der Rückbau, die Herabstufung der Autonomie oder die Abschaltung. Das ist ein Schalter mit zwei Stellungen, und er wirkt erst, wenn der Schaden sichtbar ist.
Dieses Bild passt zu einem Agenten, der Vorgegebenes ausführt, also zum regelgebundenen Agenten. Seine Regeln stehen vor dem Betrieb fest, sie lassen sich prüfen, und eine Abweichung ist ein Fehler. Wer so denkt, kann Kontrolle als externe Instanz organisieren, und der Chief AI Officer ist deren Personalisierung.
Schon für diesen einfachsten Fall zeigen die Zahlen, dass die Bindung nicht gelingt. Wenn die Zugriffe der Agenten nicht in den bestehenden Rechterahmen eingebunden sind und erlaubt und verifiziert auseinanderfallen, ist der Agent nicht einmal regelgebunden im strengen Sinn. Er handelt in einem Raum, den niemand konstituiert hat.
Wer entscheidet, wer trägt
Die Befragungen enthalten außerdem einen Befund zur Zurechnung. 90 Prozent der CIOs geben an, für Fehler einzustehen, die durch unabhängig eingeführte Werkzeuge entstehen. Hier hilft eine Unterscheidung von Niklas Luhmann, dem Soziologen, auf den sich dieses Blog theoretisch stützt. In seiner „Soziologie des Risikos“ trennt er Risiko und Gefahr: Ein möglicher Schaden ist Risiko, wenn er auf eine eigene Entscheidung zurückgeht, und Gefahr, wenn er von außen auf einen zukommt. Dieselbe Entscheidung ist für den, der sie trifft, ein Risiko, für den Betroffenen eine Gefahr.
Die Beschäftigten, die Agenten bauen, entscheiden. Die CIOs sind von diesen Entscheidungen betroffen, werden aber als Entscheider behandelt. Zurechnung und tatsächliche Entscheidungsmacht fallen auseinander. Das erklärt, warum 76 Prozent der Dataiku-Befragten um ihre Stelle fürchten, falls bis Ende 2027 keine messbaren Gewinne vorliegen: Sie tragen das Risiko anderer.
Der Preis der Nachträglichkeit
Nachträgliche Kontrolle kostet Aufmerksamkeit. Nach Optro berichtet fast die Hälfte der Befragten, das Personal verbringe inzwischen mehr Zeit damit, KI-Ergebnisse zu prüfen und zu korrigieren. 96 Prozent der Führungskräfte halten eine Anpassung der Abläufe für nötig, nur 9 Prozent haben sie sicher umgesetzt. Der Produktivitätsgewinn, an dem die Vorhaben gemessen werden, wird auf diese Weise vom Prüfaufwand aufgezehrt.
Das ist die ökonomische Seite der Notbremse. Wer erst nach dem Vorfall eingreift, muss vorher dauernd hinsehen, und dieses Hinsehen ist knapp.
Was bei anderen Agententypen anders wäre
Bei regelintelligenten Agenten, die Regeln auf den Einzelfall hin auslegen, wird aus der Abweichung eine Auslegungsfrage. Ein Verstoß ist dann nicht mehr einfach festzustellen, und die Rückstufung trifft auch das Erwünschte. Bei regelentwerfenden Agenten, die Routinen und Regeln selbst hervorbringen, fehlt der externe Maßstab ganz. Abschalten beseitigt dort den Schaden, nicht die Frage, wer die entworfene Regel legitimiert hat.
Für diese Typen müsste Governance Teil der institutionellen Konstitution des Agenten werden, vor dem Betrieb und nicht erst als Kontrolle währenddessen. Die Befragungen sagen darüber nichts, weil sie diese Agenten nicht im Blick haben. Das ist keine Kritik an ihnen, es ist der Gegenstand, den sie erfassen.
Was offen bleibt
Die Erhebungen sind Selbstauskünfte von Führungskräften, durchgeführt von Anbietern, die Governance-Lösungen oder Beratung verkaufen. Die Wiedergabe stammt aus einer redaktionell geprüften, aber KI-gestützt erstellten Meldung. Die These, dass das vorherrschende Kontrollmodell einen regelgebundenen Agenten voraussetzt, wird durch diese Befunde allenfalls vorläufig korroboriert. Belegt ist sie nicht. Offen ist, ob sich in den Daten Unterschiede nach Agententyp finden ließen, wenn jemand danach fragte.
Ralf Keuper
Quellen
- Borncity Redaktion: KI-Agenten: Gartner erwartet Abschaltung oder Rückstufung in 40 Prozent der Firmen, 09.10.2026 (Dataiku, Thoughtworks, Optro, JumpCloud, Protiviti/NC State, ICO)
- RCR Wireless: Gartner: More than 40% of agentic AI projects will fail by 2027, 27.06.2025 (ursprüngliche Gartner-Prognose)
- Outlook Business: Over 40% of Agentic AI Projects Will Be Scrapped by 2027, Says Gartner
