Mit dem Agen­tic Mer­chant Pro­to­col von Azoma und dem Agen­tic Prod­uct Pro­to­col von Klar­na entste­hen ger­ade Stan­dards, die fes­tle­gen sollen, wie KI-Agen­ten Pro­duk­te find­en, ver­ste­hen und ver­gle­ichen. Das klingt nach tech­nis­ch­er Infra­struk­tur – ist aber vor allem Insti­tu­tio­nen­poli­tik. Wer diese Pro­tokolle kon­trol­liert, sitzt an ein­er neuen Macht­po­si­tion zwis­chen Marken und Agen­ten. Und das „Open Standard”-Label schützt nicht davor.


Im Agen­tic Com­merce tritt an die Stelle des suchen­den Men­schen ein KI-Agent, der selb­st­ständig Pro­duk­te find­et, bew­ertet und Transak­tio­nen aus­löst. Das verän­dert nicht nur den Kauf­prozess, son­dern die gesamte Logik der Sicht­barkeit: Wer im dig­i­tal­en Regal ste­ht, entschei­det kün­ftig nicht mehr primär das Such­maschi­nen­rank­ing, son­dern die Struk­tur der Daten­lage, auf deren Basis Agen­ten schlussfol­gern.

Genau hier set­zt eine neue Klasse von Pro­tokol­lan­bi­etern an.

Zwei Pro­tokolle, zwei Start­po­si­tio­nen

Azoma posi­tion­iert sein Agen­tic Mer­chant Pro­to­col (AMP) als mer­chant-seit­ige Pro­duk­t­in­tel­li­genz-Schicht: Marken definieren ein­ma­lig zen­tral, welche Attribute ihre Pro­duk­te haben, welche Alter­na­tiv­en emp­fohlen wer­den dür­fen, welche Preis- und Com­pli­ance-Regeln gel­ten – und diese struk­turi­erte Infor­ma­tion ste­ht dann beliebi­gen KI-Agen­ten zur Ver­fü­gung, unab­hängig davon, ob sie von Ope­nAI, Google oder einem anderen Anbi­eter betrieben wer­den. Das klingt nach Sou­veränitätsver­sprechen für Mer­chants, nach ein­er Art seman­tis­ch­er Selb­stvertre­tung gegenüber den großen Agen­ten­plat­tfor­men.

Klar­na geht densel­ben Weg, nur von der anderen Seite. Das im Dezem­ber 2025 ges­tartete Agen­tic Prod­uct Pro­to­col ist kein Auf­bau-Pro­jekt, son­dern eine Ver­pack­ung von bere­its existieren­der Infra­struk­tur: ein struk­turi­ert­er Live-Feed mit über 100 Mil­lio­nen Pro­duk­ten und 400 Mil­lio­nen Preis­punk­ten, stan­dar­d­isiert über 12 Märk­te, gespeist aus dem Net­zw­erk von 850.000 Händlern, die Klar­na bere­its als Pay­ment-Provider nutzen. Mer­chants verbinden sich ein­ma­lig per API – und ihre Pro­duk­te sind für jeden Agen­ten sicht­bar, der das Pro­tokoll unter­stützt. Kein Paid Place­ment, kein Refor­mat­ting.

Bei­des klingt nach offen­er Infra­struk­tur. Bei­des ist es nicht ganz.

Das „Open Standard”-Problem

Der Begriff „Pro­tokoll” hat in der Tech-Kom­mu­nika­tion eine ähn­liche Kar­riere hin­ter sich wie zuvor „Plat­tform”: Er sug­geriert Neu­tral­ität, Offen­heit, Inter­op­er­abil­ität – und verdeckt dabei regelmäßig kom­merzielle Inter­essen. Ein echt­es Pro­tokoll ist unab­hängig spez­i­fizier­bar, von mehreren Parteien imple­men­tier­bar, und com­mu­ni­ty-gov­erned – man denke an GS1 in der Han­del­slo­gis­tik oder Open­Trav­el in der Reise­branche, ent­standen in echt­en Mul­ti­stake­hold­er-Prozessen über Jahre.

Solange Azoma kein Apache-ähn­lich­es Gov­er­nance-Mod­ell vor­legt und Klar­na die Spez­i­fika­tion im Wesentlichen selb­st kon­trol­liert, sind bei­de Ange­bote zunächst: gut ver­pack­te APIs mit Pro­tokoll-Brand­ing. Das ist nicht per se schlecht – aber es ist eine andere Kat­e­gorie, mit anderen Imp­lika­tio­nen für Marken, die sich früh com­mit­ten.

Der struk­turelle Wider­spruch bei Klar­na ist beson­ders markant: Das Pro­tokoll ver­spricht Pro­duk­t­sicht­barkeit „ohne Paid Place­ment oder Inter­mediäre” – und zugle­ich ist Klar­na der Inter­mediär. Der Satz ist nicht falsch, aber er ver­schleiert, was Klar­na mit dem Pro­tokoll gewin­nt: den Schritt von der Pay­ment-Schicht in die Dis­cov­ery-Schicht. Wer den struk­turi­erten Pro­dukt-Feed kon­trol­liert, den Agen­ten kon­sum­ieren, sitzt zwis­chen Mer­chant und Kaufentschei­dung – und das schon vor der eigentlichen Transak­tion.

Infra­struk­tur­ma­cht auf seman­tis­ch­er Ebene

Die Par­al­lele zur EDI-Geschichte ist auf­schlussre­ich, aber sie reicht nicht weit genug. EDI stan­dar­d­isierte Transak­tions­for­mate – was geliefert wird, wie viel, wann. Die neuen Pro­tokolle stan­dar­d­isieren etwas Grundle­gen­deres: Bedeu­tung. Sie leg­en fest, was ein Pro­duk­tat­trib­ut seman­tisch heißt, welche Kon­texte für einen Agen­ten rel­e­vant sind, welche Ver­gle­ichs­di­men­sio­nen er berück­sichti­gen soll.

Das ist Ontolo­giepoli­tik. Wer Ontolo­gien definiert, set­zt nor­ma­tive Stan­dards – und zwar mit der charak­ter­is­tis­chen Eigen­schaft von Infra­struk­tur: invis­i­ble once estab­lished, high­ly polit­i­cal in for­ma­tion, wie Geof­frey Bowk­er und Susan Leigh Star es beschrieben haben. In der Entsteh…

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