Die Diskussion um Agentic AI in Unternehmen dreht sich derzeit vor allem um zwei Fragen: Welches Modell ist das Beste? Und wie hoch ist der Automatisierungsgrad? ServiceNow liefert mit seiner internen Umsetzung gerade ein viel diskutiertes Beispiel: 90 % der eigenen IT-Tickets werden angeblich autonom bearbeitet, mit 99 % schnellerer Falllösung als durch menschliche Agenten1ServiceNow resolves 90% of its own IT requests autonomously. Now it wants to do the same for any enterprise.
Diese Zahl ist beeindruckend – aber sie verdeckt die eigentlich strategisch relevante Frage. Nicht das Modell entscheidet, ob KI-Agenten in Unternehmen funktionieren. Es sind die Business Rules.
Das ServiceNow-Modell: Orchestrierung statt Modellbau
ServiceNow positioniert sich nicht als KI-Modellanbieter, sondern als Orchestrierungs- und Kontrollschicht für Enterprise-AI. Die Differenzierung entsteht nicht durch überlegene Modelle – LLMs sind in dieser Logik austauschbar –, sondern durch Governance, Prozessintegration und den Zugriff auf operativen Kontext.
Die Kooperation mit OpenAI für Voice-Agents, Incident Summarization und Multi-Model-Strategien passt exakt in dieses Bild: Man „owned” nicht das Modell, sondern den Workflow-Layer, der darüber liegt.
Der 90-%-Wert ist vor allem deshalb plausibel, weil er unter optimalen Bedingungen entstand: hochstandardisierte, interne Use Cases, klare Rollen- und Berechtigungsmodelle, eine saubere Wissensbasis. Die eigentliche Leistung ist weniger KI als Prozessdisziplin mit LLM-Interface.
Der blinde Fleck: Business Rules als eigentliches Substrat
Mario Defelipe bringt in seiner Analyse von Agentic AI in SAP2Business Rules für KI-Agenten wichtiger als Datenmodelle? einen Aspekt ein, der in den meisten Debatten systematisch unterbelichtet bleibt: Es sind nicht die Datenmodelle, die bestimmen, was in einem Unternehmen getan wird und was nicht – es sind die Business Rules.
Business Rules sind die tief verwurzelten Arbeitsabläufe, Logiken und Konfigurationen, die definieren, wie eine Anwendung für eine bestimmte Organisation funktioniert. Beispiele:
- Workday wird über Jahre zu einem System, das auf die spezifischen Richtlinien und rechtlichen Anforderungen eines Unternehmens abgestimmt ist.
- Salesforce entwickelt sich zu einem Repository proprietärer Prozesse, die den spezifischen Verkaufsansatz der Organisation steuern.
- SAP bildet Aspekte wie Preisgestaltung, Lieferantenmanagement und Compliance-Anforderungen in einer Regelschicht ab, die jahrelange iterative Anpassungen enthält.
Diese Regeln sind dynamisch, organisationsspezifisch und akkumulieren sich über Zeit. Sie sind nicht Beiwerk – sie sind das Unternehmen, in seiner operativen Dimension.
Das Kernproblem naiver Agentic-AI-Narrative
Die Vorstellung, KI-Agenten könnten künftig ad hoc auf Rohdaten zugreifen, Prozesse on-the-fly generieren und damit bestehende IT-Strukturen ersetzen, unterschätzt genau diesen Punkt. Ein Agent, der Business Rules umgeht oder nicht kennt, agiert nicht autonom – er agiert regelblind.
Das wäre das Äquivalent eines neuen Mitarbeiters, der alle internen Richtlinien ignoriert und direkt in das Produktivsystem schreibt. Die Fähigkeit des Modells ist irrelevant, solange der operative Kontext fehlt.
Selbst wenn man Benutzeroberflächen und grundlegende Funktionalitäten kopieren könnte – das Fehlen dieser tief verwurzelten Regelschichten würde laut Defelipe zu einem nicht funktionalen Werkzeug führen.
Lock-in durch operativen Sediment
Hier liegt der strategisch gefährlichste Aspekt – und zugleich der am wenigsten diskutierte.
Business Rules schaffen Lock-in-Effekte besonderer Qualität. W…
