Als Edgar Codd 1970 das rela­tionale Daten­bankmod­ell vorschlug, entsch­ied er nicht nur einen Infor­matik­stre­it. Er lieferte das tech­nis­che Sub­strat für eine neue Gesellschafts­form: flex­i­bel, ver­net­zt, pro­jek­t­för­mig. Der Tech­nikhis­torik­er David Guger­li hat diese struk­turelle Homolo­gie präzise beschrieben – das Fließband als Sym­bol der Indus­triege­sellschaft, die Daten­bank als Sym­bol der post­mod­er­nen Dien­stleis­tungs­ge­sellschaft.

Den kausalen Mech­a­nis­mus dahin­ter hat Melvin Con­way bere­its 1967 for­muliert: Organ­i­sa­tio­nen bauen Sys­teme, die ihre eigene Kom­mu­nika­tion­sstruk­tur spiegeln – und die Sys­teme for­men die Organ­i­sa­tion zurück. Das ist kein Zufall, son­dern ein Regelkreis.

Die Mid­dle­ware-Geschichte der let­zten fünf Jahrzehnte ist der Beweis. CORBA, SOA, Enter­prise Ser­vice Bus, BPM, Microser­vices – jede Gen­er­a­tion hat ver­sucht, eine neue Prozess­logik über alte Architek­turen zu leg­en, ohne sie wirk­lich anzu­tas­ten. Conway’s Law hat jedes Mal zugeschla­gen: Der Mono­lith kehrt zurück, weil die Organ­i­sa­tion, die ihn baut, mono­lithisch geblieben ist.

Das Sym­bol wech­selt ger­ade wieder.

Vek­tor­daten­banken, Graph­daten­banken, ereignis­basierte Architek­turen – und darüber KI-Agen­ten, die keine Abteilungs­gren­zen ken­nen und Prozesse dynamisch koor­dinieren. Deutsche Banken sitzen exem­plar­isch zwis­chen vier Daten­bankpar­a­dig­men gle­ichzeit­ig. Was das für Auf­bau- und Ablau­for­gan­i­sa­tion bedeutet – und warum die eigentliche Frage keine tech­nis­che ist.


I. Das tech­nis­che Sym­bol als Spiegel

Der Wirtschafts- und Tech­nikhis­torik­er David Guger­li hat einen ein­fachen, aber weitre­ichen­den Gedanken for­muliert: Tech­nis­che Sys­teme sind keine neu­tralen Werkzeuge. Sie spiegeln die Gesellschafts­form, die sie ermöglichen – und for­men sie zugle­ich. Das Fließband war das Sym­bol der Indus­triege­sellschaft nicht nur als Meta­pher, son­dern als struk­turelles Prinzip: sequen­ziell, hier­ar­chisch, tak­t­ge­bun­den. Die Daten­bank wurde zum Sym­bol der postin­dus­triellen Gesellschaft, weil sie eine andere Logik verkör­pert – ver­net­zt, flex­i­bel, rekom­binier­bar.

Diese Homolo­gie zwis­chen tech­nis­ch­er Architek­tur und Organ­i­sa­tions­form ist kein Zufall. Sie entste­ht, weil Unternehmen ihre Struk­turen in Code ein­schreiben. Wer ver­ste­hen will, wie Organ­i­sa­tio­nen funk­tion­ieren – und warum sie sich so schw­er verän­dern lassen –, muss die Daten­bankar­chitek­tur lesen, auf der sie aufge­baut sind.

Was Guger­li beschreibt, hat einen kausalen Mech­a­nis­mus – und den hat Melvin Con­way bere­its 1967 for­muliert.

II. Conway’s Law: Der Regelkreis zwis­chen Organ­i­sa­tion und Sys­tem

Conway’s Beobach­tung war lakonisch und präzise: „Any orga­ni­za­tion that designs a sys­tem will pro­duce a design whose struc­ture is a copy of the organization’s com­mu­ni­ca­tion struc­ture.” Unternehmen bauen Sys­teme, die ihre Kom­mu­nika­tion­swege spiegeln – nicht weil sie es wollen, son­dern weil Sys­tem­gren­zen dort entste­hen, wo Team­gren­zen ver­laufen.

Was Con­way als Beobach­tung for­mulierte, ist in der Prax­is ein Regelkreis. Nicht nur formt die Organ­i­sa­tion das Sys­tem – das Sys­tem formt zurück die Organ­i­sa­tion. Wer dreißig Jahre auf einem Main­frame-Sys­tem operiert, dessen Daten­struk­turen hier­ar­chisch und dessen Prozesse sequen­ziell sind, entwick­elt Gov­er­nance-Struk­turen, Ver­ant­wortlichkeit­en und Denkge­wohn­heit­en, die dieser Architek­tur entsprechen. Die IT ist nicht Abbild der Organ­i­sa­tion – sie ist ihre mate­ri­al­isierte Gram­matik.

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