SAP setzt strategisch alles auf Agentic AI – doch während Walldorf eine Revolution ausruft, nutzen 77 Prozent der KI-aktiven DSAG-Mitglieder Non-SAP-Lösungen. Der eigentliche Befund liegt tiefer: KI-Agenten wie Joule agieren in einem institutionellen Vakuum, für das weder Governance-Frameworks noch Haftungsregeln existieren. Eine Analyse über die Differenz zwischen regelintelligenten und regelentwerfenden Agenten – und was das für den Einsatz agentischer Systeme in prozesswirksamen Unternehmensumgebungen bedeutet.
Die Zahlen, die die DSAG-Investitionsumfrage 2026 liefert, sind präziser als jede Analystenprognose: 77 Prozent der Unternehmen, die KI bereits produktiv nutzen, tun dies mit Non-SAP-Lösungen. Nur drei Prozent setzen SAP Business AI im Live-Betrieb ein. Gemessen an der kommunikativen Intensität, mit der SAP-Chef Christian Klein eine „Revolution durch Agentic AI” ausruft, ist das eine bemerkenswerte Differenz. Gemessen an der strukturellen Logik, die hinter dieser Adoption steckt, ist sie erklärbar — und aufschlussreich.
Die Erklärung liegt nicht in technischer Unterlegenheit. Microsoft Copilot oder ChatGPT sind für Mitarbeiter intuitiv zugänglich, ohne BTP-Integration, ohne Lizenz-Dschungel aus AI Units und Cloud Credits, ohne die steile Lernkurve, die Gartner Peer Insights für die Business Technology Platform dokumentieren. Die Adoption folgt dem Weg des geringsten institutionellen Widerstands — ein Muster, das in der Diffusionsforschung gut beschrieben ist und das sich durch bessere Marketingkommunikation nicht überschreiben lässt.
Das eigentlich interessante Problem beginnt jedoch dort, wo die Adoption von Agentic AI nicht mehr an der Oberfläche stattfindet, sondern in die operativen Kernprozesse eingreift. Und hier lohnt eine Unterscheidung, die in der laufenden Debatte weitgehend fehlt.
Regelintelligente und regelentwerfende Agenten
Klassische Automatisierungssysteme — RPA-Bots, regelbasierte Workflows — arbeiteten deterministisch. Sie führten definierte Sequenzen aus, deren Ergebnisse innerhalb vorgegebener Parameter vorhersehbar und revidierbar waren. Die Governance-Frage war entsprechend überschaubar: Wer hat die Regel definiert, und wer überwacht die Ausführung?
Agentic AI verschiebt dieses Bild grundlegend. Ein KI-Agent wie Joule trifft Entscheidungen auf Basis probabilistischer Schlussfolgerungen, ohne dass im Einzelfall eine menschliche Freigabe erfolgt. Die entscheidende analytische Unterscheidung ist dabei nicht die zwischen autonom und manuell gesteuert, sondern die zwischen zwei Typen institutioneller Wirksamkeit.
Ein regelintelligenter Agent arbeitet innerhalb vorgegebener Governance-Strukturen. Er wendet Regeln an, die Menschen definiert haben, und optimiert innerhalb dieser Grenzen. Seine institutionelle Funktion ist Effizienzsteigerung — er tut schneller, was vorher langsamer getan wurde.
Ein regelentwerfender Agent verändert durch seine Entscheidungen die operativen Strukturen, in denen er agiert. Er setzt Präzedenzfälle, erzeugt Pfadabhängigkeiten, schreibt durch seine Outputs implizit neue Regeln fort. Seine institutionelle Funktion geht über Effizienz hinaus — er verändert, was als normale Entscheidung gilt.
SAP positioniert Joule nominell als regelintelligenten Agenten: ein Assistent, der im Rahmen definierter Prozesse agiert. Aber jeder autonom…
