Die Debat­te über KI und Job­ver­lust ver­har­rt oft in ein­er beruhi­gen­den Erzäh­lung: Berufe verän­dern sich, aber sie ver­schwinden nicht. Diese Unter­schei­dung stimmt – und reicht nicht. Entschei­dend ist, wie viele Men­schen den Über­gang tat­säch­lich vol­lziehen kön­nen und wer die Pro­duk­tiv­itäts­gewinne ein­stre­icht.


Dr. Karsten Wild­berg­er, seit Mai 2025 Bun­desmin­is­ter für Dig­i­tales und Staatsmod­ernisierung, hat vor den Fol­gen von KI für Pro­gram­mier­er und Call­cen­ter-Mitar­beit­er gewarnt1Wild­berg­er: KI erset­zt Pro­gram­mier­er und Call­cen­ter-Agen­ten. Die Botschaft: KI ergänze und erset­ze Pro­gram­mier­jobs, Chat­bots übernäh­men zunehmend Stan­dar­d­an­fra­gen. Der Hin­weis ist richtig. Die übliche Einord­nung dazu ist es nur zum Teil.

Die Job-Aufgabe-Unterscheidung und ihre Grenzen

In der wirtschaftswis­senschaftlichen Debat­te gilt es inzwis­chen als Kon­sens, zwis­chen Berufen (jobs) und Tätigkeit­en (tasks) zu unter­schei­den. KI erset­zt dem­nach keine Berufe als solche, son­dern bes­timmte Auf­gaben­bün­del: Rou­tin­ear­beit, Stan­dar­d­an­fra­gen, Code-Gener­ierung, Tes­tauf­gaben. Die verbleiben­den Tätigkeit­en ver­schieben sich auf Architek­tur, Qual­ität­skon­trolle, Domä­nenkom­mu­nika­tion, Ver­ant­wor­tung.

Diese Unter­schei­dung ist ana­lytisch kor­rekt, aber nor­ma­tiv ent­las­tend – und unter­schätzt zwei Effek­te. Erstens den Kom­po­si­tion­sef­fekt: Wenn KI 40 bis 60 Prozent der Rou­tineauf­gaben eines Berufs­felds übern­immt, sinkt der Bedarf an Köpfen auch dann, wenn der Beruf als Kat­e­gorie fortbeste­ht. Zweit­ens den Pyra­mi­den­ef­fekt: Die verbleiben­den Tätigkeit­en auf Architek­tur- und Man­age­mentebene tra­gen struk­turell nur einen Bruchteil der bish­eri­gen Stellen. Nicht alle kön­nen und wer­den dor­thin auf­steigen – wed­er aus Kom­pe­ten­z­grün­den noch aus Kapaz­itäts­grün­den. Bei­des zusam­men erzeugt densel­ben Arbeits­mark­t­druck wie direk­te Sub­sti­tu­tion, ohne dass der Begriff fällt.

Callcenter und Programmieren: unterschiedliche Geschwindigkeit, ähnliche Richtung

Wild­berg­ers War­nung trifft Call­cen­ter schneller, Pro­gram­mier­er mit etwas mehr Verzögerung – aber die Rich­tung ist in bei­den Feldern dieselbe. In Call­cen­tern ist das Auf­gaben­port­fo­lio weniger het­ero­gen, die Automa­tisierungslogik greift direkt. Einen Gegen­ef­fekt ver­di­ent Beach­tung: In eini­gen Bere­ichen steigt die Kon­tak­trate durch KI-Inter­ak­tion, weil die Hemm­schwelle sinkt – was den Automa­tisierungs­gewinn par­tiell wieder aufzehrt.

Bei Pro­gram­mier­ern ist die Lage dif­feren­ziert­er, aber nicht grundle­gend anders. KI übern­immt bere­its heute wesentliche Anteile von Cod­ing, Refac­tor­ing und Doku­men­ta­tion. Der Beruf über­lebt als Kat­e­gorie – aber mit deut­lich weniger Köpfen, weil der verbleibende Rest auf höher­w­er­tige Tätigkeit­en konzen­tri­ert wird, die nur ein Teil der bish­eri­gen Belegschaft tat­säch­lich aus­füllen kann. In kom­plex­en, haf­tungsrel­e­van­ten oder sicher­heit­skri­tis­chen Umge­bun­gen bleibt men­schliche Steuerung vor­erst unverzicht­bar. Das dämpft den Effekt, ver­schiebt ihn aber eher zeitlich als struk­turell.

Marktstruktur als Verteilungsmechanismus

Die War­nung vor Job­ver­lust greift zu kurz, weil sie Tech­nik und Beschäf­ti­gung direkt verbindet und die Mark­t­struk­tur als Verteilungsmech­a­nis­mus aus­blendet. In konzen­tri­erten Märk­ten mit weni­gen dom­i­nan­ten Anbi­etern — Plat­tfor­men, große Soft­ware­un­ternehmen, mark­t­mächtige Tech­nolo­giekonz­erne — entschei­det nicht der Wet­tbe­werb­s­druck darüber, wohin Pro­duk­tiv­itäts­gewinne fließen, son­dern die Ver­hand­lungs­macht gegenüber Arbeit­nehmern, Zulief­er­ern und Kun­den. Wo Mark­t­macht vorhan­den ist, beste­ht kein struk­tureller Anreiz, Effizien­zgewinne als Lohn oder Beschäf­ti­gung weit­erzugeben. Sie wer­den als Marge real­isiert — oder in weit­ere Automa­tisierung rein­vestiert, was den Zyk­lus ver­stärkt. Das Ergeb­nis ist ein Szenario, das sich bere­its in der Plat­tfor­mökonomie abze­ich­net: wenige hochqual­i­fizierte Entwick­ler und Sys­temar­chitek­ten, leis­tungs­fähige KI-Infra­struk­tur, schlanke Belegschaft — bei gle­ichzeit­ig hoher Mark­tkap­i­tal­isierung und Gewin­n­marge. Die Verbindung zwis­chen Pro­duk­tiv­ität und Beschäf­ti­gung, die in der Nachkriegswirtschaft als selb­stver­ständlich galt, ist in solchen Struk­turen insti­tu­tionell nicht mehr garantiert. Ökonomen wie David Autor haben diesen Befund unter dem Begriff der „Super­star Firms” analysiert: Unternehmen, die Märk­te dominieren, wach­sen in Umsatz und Gewinn, aber nicht pro­por­tion­al in Beschäf­ti­gung. KI beschle­u­nigt diese Dynamik, sie erzeugt sie aber nicht — sie set­zt eine Mark­t­struk­tur voraus, die bere­its vorhan­den ist.

In kom­pet­i­tiv­en Märk­ten mit vie­len kleinen und mit­tleren Unternehmen ist der Anpas­sungs­druck anders verteilt. Wer KI-gestützte Pro­duk­tiv­itäts­gewinne real­isiert, kann Preise senken oder Qual­ität erhöhen — was im Wet­tbe­werb Mark­tan­teile sichert. Für alle anderen entste­ht dadurch Zugzwang: Nicht Prof­it­max­imierung treibt den Stel­len­ab­bau, son­dern der Druck, mit dem Wet­tbe­wer­ber Schritt hal­ten zu müssen. Das Ergeb­nis kann struk­turell ähn­lich sein wie in konzen­tri­erten Märk­ten — weniger Beschäf­ti­gung pro Umsatzein­heit — aber die Ursachen­kette ist eine andere. Hinzu kommt, dass viele deutsche Mit­tel­ständler als Zulief­er­er oder in engen Spezial­nis­chen operieren, in denen Mar­gen ohne­hin ger­ing und Preis­set­zungsspiel­räume begren­zt sind. Dort wirkt KI weniger als Instru­ment zur Gewinnsteigerung, son­dern eher als Voraus­set­zung für das Über­leben im Wet­tbe­werb. Das macht den Beschäf­ti­gungsef­fekt struk­turell schw­er­er steuer­bar — und poli­tis­che Weit­er­bil­dungsap­pelle tre­f­fen hier auf Betriebe, die für umfan­gre­iche Qual­i­fizierungs­maß­nah­men wed­er die Zeit noch die Mit­tel haben.

Die institutionelle Dimension der Weiterbildungsappelle

Wild­berg­ers Schlussfol­gerung – Weit­er­bil­dung und Qual­i­fizierung – ist nor­ma­tiv richtig. Als Bun­desmin­is­ter für Dig­i­tales und Staatsmod­ernisierung trägt er zugle­ich Mitver­ant­wor­tung für die insti­tu­tionellen Rah­menbe­din­gun­gen, unter denen diese Qual­i­fizierung stat­tfind­et oder scheit­ert.

Wer im Call­cen­ter sitzt oder als Junior-Entwick­ler rou­tinemäßige Auf­gaben übern­immt, ver­fügt sel­ten über die Zeit, die Ressourcen und die betriebliche Unter­stützung für einen echt­en Kom­pe­ten­zwech­sel. Die deutschen Qual­i­fizierungssys­teme sind auf gradu­elle Anpas­sung aus­gelegt, nicht auf struk­turellen Bruch in der Bre­ite. Und selb­st wenn Weit­er­bil­dung gelingt: Sie kann keine Stellen schaf­fen, die am oberen Ende der Qual­i­fika­tion­spyra­mide schlicht nicht in aus­re­ichen­der Zahl vorhan­den sind.

Die eigentliche Frage

KI wird bes­timmte Tätigkeit­en bei Pro­gram­mier­ern und in Call­cen­tern deut­lich verän­dern und erset­zen – in einem Aus­maß, das die beruhi­gende Erzäh­lung vom bloßen Struk­tur­wan­del über­steigt. Die entschei­den­den Fra­gen laut­en: Wer bekommt die Pro­duk­tiv­itäts­gewinne? Wie viele Men­schen kön­nen den Über­gang tat­säch­lich vol­lziehen – und unter welchen insti­tu­tionellen Bedin­gun­gen? Und wer trägt die Kosten, wenn bei­des nicht gelingt?

Ralf Keu­per 


Quellen:
  • Ace­moglu & Restre­po (2019): „Automa­tion and New Tasks: How Tech­nol­o­gy Dis­places and Rein­states Labor“Grundle­gen­des Paper zur Task-Dis­place­ment-The­o­rie. Zeigt, dass Automa­tisierung die Lohn­quote struk­turell senkt — auch wenn neue Auf­gaben entste­hen. Zen­traler the­o­retis­ch­er Bezugsrah­men für den Kom­po­si­tion­sef­fekt.https://www.aeaweb.org/articles?id=10.1257/jep.33.2.3
  • Autor, Dorn, Katz, Pat­ter­son, Van Reenen (2020): „The Fall of the Labor Share and the Rise of Super­star Firms“Empirische Basis für die Super­star-Firms-These: In konzen­tri­erten Märk­ten steigen Gewinne, aber nicht Beschäf­ti­gung oder Löhne pro­por­tion­al. Direk­te Grund­lage für den Mark­t­struk­turab­schnitt.https://academic.oup.com/qje/article/135/2/645/5721266
  • Peng et al. (2023): „The Impact of AI on Devel­op­er Pro­duc­tiv­i­ty: Evi­dence from GitHub Copi­lot” Kon­trol­liertes Exper­i­ment mit Entwick­lern: KI-Unter­stützung erhöht die Auf­gabengeschwindigkeit um bis zu 55 %. Belegt den Pro­duk­tiv­ität­shebel — und impliz­it den Kom­po­si­tion­sef­fekt beim Per­son­albe­darf. https://arxiv.org/abs/2302.06590
  • Ace­moglu & Restre­po (2018): „Arti­fi­cial Intel­li­gence, Automa­tion and Work” Rah­men­werk speziell zu KI: Der Dis­place­ment-Effekt über­wiegt den Pro­duk­tiv­ität­sef­fekt, wenn neue arbeitsin­ten­sive Auf­gaben aus­bleiben. Direkt anwend­bar auf die Pro­gram­mier­er- und Call­cen­ter-These. https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3098384
  • Ace­moglu & Restre­po (2022): „Tasks, Automa­tion, and the Rise in U.S. Wage Inequal­i­ty” Zeigt, dass 50–70 % der Loh­nun­gle­ich­heit der let­zten vier Jahrzehnte auf Task-Dis­place­ment zurück­zuführen sind — mit beson­der­er Betrof­fen­heit von Rou­tinetätigkeit­en. Empirische Unter­mauerung für die Verteilungs­frage im Schlussteil.https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.3982/ECTA19815

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert