Andrej Karpa­thy, ein­er der pro­fil­iertesten KI-Forsch­er unser­er Zeit, hat kür­zlich eine Beobach­tung for­muliert, die weit über die Soft­wa­reen­twick­lung hin­ausweist((https://x.com/karpathy/status/2026731645169185220)). Pro­gram­mierung, so Karpa­thy, habe sich grundle­gend verän­dert – nicht gradu­ell, son­dern in einem abrupten Phasenüber­gang, den er auf Dezem­ber 2024 datiert. Man tippt nicht mehr Com­put­er­code in einen Edi­tor. Man beauf­tragt KI-Agen­ten in natür­lich­er Sprache, ver­wal­tet ihre Arbeit par­al­lel und über­prüft die Ergeb­nisse. Das Tip­pen selb­st – seit den Anfän­gen der Com­put­ertech­nik das zen­trale Inter­face zwis­chen Men­sch und Mas­chine – ist zur Neben­tätigkeit gewor­den.

Was Karpa­thy beschreibt, ist ein Abstrak­tion­ssprung: von der Syn­tax zur Inten­tion. Die Frage lautet nicht mehr „Wie schreibe ich diesen Code?”, son­dern „Was soll erre­icht wer­den?” Sein konkretes Beispiel illus­tri­ert die Trag­weite: Ein kom­plex­es Woch­enend­pro­jekt – Servere­in­rich­tung, Mod­ell-Deploy­ment, Web-Dash­board, Sys­tem­di­en­ste, Tests und Doku­men­ta­tion – wurde einem Agen­ten in einem einzi­gen englis­chsprachi­gen Prompt übergeben. Dreißig Minuten später lag ein fer­tiges Sys­tem vor. Kein manueller Ein­griff, kein iter­a­tives Debug­ging, kein Nach­fra­gen.

Der Dezem­ber-Phasenüber­gang

Bemerkenswert an Karpa­thys Ein­schätzung ist die zeitliche Präzi­sion. Er spricht nicht von einem langsamen Fortschritt, son­dern von einem Schwellen­wert: Cod­ing Agents „basi­cal­ly did­n’t work before Decem­ber and basi­cal­ly work since.” Was sich verän­dert hat, sind nicht primär neue Fähigkeit­en im engeren Sinne, son­dern Kohärenz, Aus­dauer und Tenaz­ität – die Fähigkeit der Mod­elle, über lange Auf­gaben­hor­i­zonte kon­sis­tent und ziel­gerichtet zu arbeit­en, Hin­dernisse eigen­ständig zu über­winden und kom­plexe Zus­tand­sräume im Gedächt­nis zu hal­ten.

Das entspricht einem Muster, das die Tech­nolo­giegeschichte ken­nt: Nicht lin­eare Verbesserung, son­dern Phasenübergänge. Die Dampf­mas­chine war jahrzehn­te­lang eine inef­fiziente Kuriosität, bevor Watts Kon­den­sator die Effizienz auf ein indus­triell nutzbares Niveau hob. Das World Wide Web existierte Jahre, bevor der Mosa­ic-Brows­er die kri­tis­che Nutzungss­chwelle über­schritt. In bei­den Fällen war der entschei­dende Schritt nicht die Erfind­ung, son­dern die Zuver­läs­sigkeit.

Was Agen­tic Engi­neer­ing ver­langt

Karpa­thy ist präzise genug, die Gren­zen zu benen­nen. Die neue Arbeits­form funk­tion­iert bess­er bei klar spez­i­fizierten Auf­gaben, bei denen Ergeb­nisse ver­i­fizier­bar sind. Sie erfordert Urteilsver­mö­gen beim Zuschnitt der Auf­gaben – das Gespür, welche Teil­prob­leme sich delegieren lassen und wo men­schliche Ori­en­tierung uner­lässlich bleibt. Sie braucht Überblick, Geschmack und die Fähigkeit, par­al­lel laufende Agen­ten­prozesse zu koor­dinieren.

Das klingt nach ein­er Ver­schiebung in der Qual­i­fika­tion­sstruk­tur, und das ist es auch. Die rel­e­vante Kom­pe­tenz ver­lagert sich von syn­tak­tis­ch­er Präzi­sion zu strate­gis­ch­er For­mulierung. Wer Auf­gaben klar und voll­ständig spez­i­fizieren, Ergeb­nisse beurteilen und Kor­rek­tur­in­for­ma­tio­nen effek­tiv ein­brin­gen kann, mul­ti­pliziert seinen Wirkungsra­dius. Wer das nicht kann, prof­i­tiert kaum – unab­hängig davon, wie leis­tungs­fähig die ver­füg­baren Werkzeuge sind.

Die Man­age­ment­di­men­sion

Hier liegt die eigentliche Sprengkraft des Karpa­thy-Schwellen­werts – und sie bet­rifft nicht nur Soft­wa­reen­twick­ler. Was er für das Pro­gram­mieren beschreibt, ist ein Pro­to­typ für eine viel all­ge­meinere Trans­for­ma­tion. Die Fähigkeit, kom­plexe Auf­gaben in delegier­bare Teil­prob­leme zu zer­legen, Prozesse zu steuern ohne sie direkt auszuführen, und Qual­ität ohne oper­a­tive Tiefenken­nt­nis zu beurteilen: Das sind klas­sis­che Man­age­men­tkom­pe­ten­zen. Sie wer­den nun zur Voraus­set­zung für den effek­tiv­en Ein­satz von KI-Agen­ten in jedem Bere­ich.

Peter Druck­er hat den Man­ag­er ein­mal als jeman­den definiert, der durch andere wirkt. Agen­tic Engi­neer­ing ist die tech­nol­o­gis­che Real­isierung dieses Prinzips – nicht mehr für Men­schen, son­dern für KI-Sys­teme als Aus­führende. Die Frage, die sich für Unternehmen und Insti­tu­tio­nen stellt, ist nicht primär eine der Tech­nik, son­dern eine der Organ­i­sa­tion­skul­tur: Wer kann Auf­gaben so for­mulieren, dass Agen­ten damit arbeit­en kön­nen? Wer hat die Urteils­fähigkeit, Ergeb­nisse zu prüfen? Und wer baut die Orchestrierungsebene auf, die Karpa­thy als eigentlichen Hebelpunkt iden­ti­fiziert – die lan­gläu­fi­gen Orches­tra­tor-Prozesse, die ihrer­seits par­al­lele Agen­ten-Instanzen steuern?

Ralf Keu­per 

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