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Von Ralf Keuper
Spätestens mit dem Aufkommen der Microcomputer und der PCs rückte die Frage der Büroautomation in den Unternehmen auf der Prioritätenliste nach oben. Trotzdem nahm die Automatisierung nur langsam Fahrt auf. Bereits 1986 zeigte sich, dass die Erwartungen mit der Realität nicht Schritt halten konnten. Eine Situation ähnlich der, in der wir uns heute mit der agentenbasierten Automation befinden. Dabei fallen einige Parallelen ins Auge, die beim Betrachter ein Deja-Vu — Erlebnis erzeugen.
In dem Text Was geschah mit der Computerrevolution? vom März 1986, also vor fast 40 Jahren, befasste sich Lynn Salerno, seinerzeit Redakteurin der Harvard Business Review eingehend mit den Herausforderungen und dem langsamen Fortschritt in den Bereichen Büroautomation, Telekommunikation und Künstliche Intelligenz in Unternehmen. Trotz des großen Hypes um Roboter und moderne Technologien zeigte sich häufig, dass die Realität in vielen Unternehmen von veralteten Systemen und Technologien geprägt war. Dies führte zu einer Diskrepanz zwischen den Erwartungen und der tatsächlichen Umsetzung moderner Technologien.
Zwar herrschte weitgehend Einigkeit, dass Technologien wie Textverarbeitungssysteme, elektronische Aktenablagesysteme und Tabellenkalkulationsprogramme das Potenzial hatten, die Produktivität erheblich zu steigern, da sie repetitive Aufgaben schneller und effizienter erledigen konnten als menschliche Mitarbeiter. Dieses Potenzial konnte jedoch nicht genutzt werden, da viele Unternehmen noch immer von einfachen Büromaschinen und veralteten Prozessen abhängig waren. Diese Zurückhaltung wurde seinerzeit auf verschiedene Faktoren zurückgeführt, darunter die Kosten für neue Technologien, der Widerstand gegen Veränderungen in etablierten Arbeitsabläufen und das Fehlen von Schulungen für Mitarbeiter.
Ähnlich war die Situation im Bereich der Telekommunikation. Die Verbindung von Maschinen, Robotern und programmierbaren Steuergeräten in der Fertigung hätte theoretisch die Produktivität erheblich steigern können. Unternehmen wie General Electric und IBM hatten bereits in diesen Bereich investiert und boten Lösungen an. Allerdings hatten viele Unternehmen Schwierigkeiten, diese Technologien effektiv zu implementieren. Videokonferenzen, die als revolutionär galten, konnten in der Praxis oft nicht den erhofften Anklang finden. Viele Führungskräfte zogen nach wie vor persönliche Gespräche und Treffen vor, um Informationen zu sammeln. Die anfängliche Begeisterung über die Möglichkeiten der Telekommunikation stellte sich in der Realität oft als übertrieben heraus, was zu einer gewissen Skepsis gegenüber diesen Technologien führte.
Ein wichtige Rolle spielte damals bereits die Künstliche Intelligenz, insbesondere die Entwicklung von Expertensystemen, die praktische Anwendungen im Geschäftsleben hatten. Die Systeme basierten auf umfangreichen Datenbanken und sollten dem Benutzer Informationen und Empfehlungen liefern, die dem Wissen eines erfahrenen Fachmanns entsprechen. Allerdings waren solche Systeme oft teuer in der Entwicklung und Implementierung. Zudem erforderten sie spezialisiertes Wissen, das in vielen Unternehmen nicht vorhanden war. Als Beispiel nannte Salerno das Expertensystem MYCIN, das Hunderte von Regeln zur Diagnose und Behandlung von Infektionskrankheiten verwenden konnte. Diese Systeme konnten für bestimmte Anwendungen sehr wertvoll sein, allerdings wirkten die Kosten und der Aufwand für ihre Einführung häufig abschreckend.
Als ein zentrales Problem in der Künstlichen Intelligenz diagnostizierte Salerno die Kommunikation mit Computern in natürlicher Sprache. Obwohl es Fortschritte gab, blieb die Fähigkeit der Maschinen, menschliche Sprache und deren Nuancen zu verstehen, begrenzt. Die Herausforderung bestand und besteht bis heute darin, dass menschliche Sprache oft mehrdeutig ist und verschiedene Interpretationen zulässt. Während Menschen den Kontext schnell erfassen, kämpfen Computer mit der Interpretation solcher Sätze. Wenn es gelänge, Computern ein tieferes Verständnis für sprachliche Nuancen beizubringen, könnte dies den Zugang zu Informationen für viele Benutzer erheblich erleichtern, so Salerno damals.
Für das Management sei es entscheidend, die Vorteile der Automation zu erkennen und sich aktiv mit den neuen Technologien auseinanderzusetzen. Es sei wichtig, dass Manager die positiven Aspekte der Automation sehen und die Möglichkeiten nutzen, die sich durch den Zugang zu besseren Informationen und effizienteren Prozessen ergeben. Die Automation habe das Potenzial, die Arbeitsgestaltung nicht nur flexibler, sondern auch starrer zu machen, indem sie den Handlungsspielraum der Mitarbeiter einschränkt und das Arbeitstempo besser überwacht, so Salerno weiter.
Salerno gab dem Management den Rat, die langsamen Fortschritte in der Technologie nicht als Nachteil, sondern als Chance zu sehen. Der technologische Wandel verläuft häufig langsamer als oft angenommen, was Unternehmen die Möglichkeit gibt, sich besser auf die Entwicklungen in der Informationstechnik vorzubereiten. Ein kritischer Blick auf die eigenen Prozesse und die Bereitschaft zur Anpassung sind essenziell. Unternehmen, die sich nicht mit den neuen Technologien auseinandersetzen, riskieren, im Wettbewerb zurückzufallen.
Überdies sei es ratsam, die Erfahrungen anderer Unternehmen zu analysieren, die bereits den Weg der Automatisierung gegangen waren, um aus deren Fehlern und Erfolgen zu lernen. Durch dieses Lernen können Unternehmen nicht nur ihre Effizienz steigern, sondern auch ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern. In einer Zeit, in der viele Firmen Computer und Roboter in großem Maßstab einsetzen, wird deutlich, dass eine erfolgreiche Integration von Technologien eine sorgfältige Planung und Umsetzung erfordere.
Trotz der Herausforderungen und der langsamen Fortschritte erachtete es Salerno für für Unternehmen für unerlässlich, sich aktiv mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen und die Chancen, die sich daraus ergeben, zu nutzen. In der Zukunft werde der Erfolg eines Unternehmens zunehmend davon abhängen, wie gut es in der Lage ist, neue Technologien zu integrieren und die Vorteile der Automatisierung zu erkennen und zu nutzen.
Parallelen zur heutigen Situation
Wie bereits eingangs erwähnt, treten einige Parallelen zwischen der Situation in den späten 1980ern und der heutigen Zeit deutlich hervor. Zunächst zeigt sich eine Diskrepanz zwischen den hohen Erwartungen an agentenbasierte KI und der tatsächlichen Implementierung in Unternehmen. Viele sind zögerlich, neue Technologien zu integrieren, sei es aus Angst vor Kosten, Komplexität oder Widerstand gegen Veränderungen. Ähnlich wie in den 1980er Jahren halten Unternehmen oft an veralteten Technologien fest, was den Übergang zu agilen, KI-gestützten Systemen erschwert. Zudem kämpfen Organisationen, wie schon damals, mit Herausforderungen bei der Implementierung von KI, oft aufgrund fehlender Ressourcen oder Fachwissen.
Ein zentrales Problem, das Salerno ansprach, bleibt die Kommunikation und das Verständnis in der natürlichen Sprachverarbeitung. Agentenbasierte KI hat nach wie vor Schwierigkeiten, menschliche Sprache und deren Nuancen zu verstehen, was die Benutzererfahrung beeinträchtigen kann.
Für die Gegenwart und Zukunft lassen sich einige wichtige Lehren ableiten. Unternehmen sollten nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen neuer Technologien erkennen. Ein proaktiver Umgang mit agentenbasierter KI kann helfen, Wettbewerbsvorteile zu sichern. Zudem ist es entscheidend, in die Schulung der Mitarbeiter zu investieren, um die Akzeptanz und das Verständnis für KI-Technologien zu fördern. Der Austausch von Erfahrungen zwischen Unternehmen, die bereits KI erfolgreich implementiert haben, kann wertvolle Einblicke bieten; das Lernen aus Fehlern und Erfolgen anderer kann als Leitfaden dienen.
Flexibilität ist ebenfalls ein Schlüsselfaktor. Der technologische Wandel verläuft oft langsamer als erwartet, daher müssen Unternehmen bereit sein, ihre Prozesse anzupassen. Eine sorgfältige Planung und schrittweise Einführung von Technologien sind entscheidend für den Erfolg. Unternehmen sollten realistische Ziele setzen und sich nicht von kurzfristigen Hypes leiten lassen.
Insgesamt zeigt der Rückblick auf die Herausforderungen der Büroautomation und KI in den 1980er Jahren, dass viele der damaligen Lehren auch heute noch relevant sind. Eine kritische Auseinandersetzung mit Technologien, eine Bereitschaft zur Veränderung und das Lernen aus Erfahrungen sind essenziell, um in der aktuellen und zukünftigen Geschäftswelt erfolgreich zu sein.