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Gabe Monroy, Technikchef des Software-Anbieters Workday, will KI-Agenten dort laufen lassen, wo die Unternehmensregeln ohnehin liegen. Die Diagnose überzeugt, der Schluss daraus nur zum Teil: Er setzt die Durchsetzung von Regeln mit ihrem Verständnis gleich, verlegt die Kontrolle in die Nähe dessen, der den Agenten liefert, und rechnet nur eine Seite der Kosten.
Der Befund
Monroy, CTO von Workday, argumentiert in einem Gastbeitrag auf VentureBeat vom 12. Oktober 2026, dass ein Agent jeden Tool-Aufruf korrekt ausführen und trotzdem Unternehmensregeln verletzen kann. Der Aufruf macht die einzelne Aktion verlässlich, die Wahl von Tool und Argumenten bleibt probabilistisch. Sein Beispiel: Beim Onboarding eines internationalen Contractors umgeht der Agent Arbeitsrecht, Steuerabzug und Einstufungsprüfung, nicht aus Absicht, sondern weil ihm diese Regeln fehlen. Externe Gateways und Richtlinien im Kontextfenster genügten nicht: Ein Prompt sei eine Bitte, keine Garantie, und wer außen nachbaue, finanziere ein Shadow ERP, eine fragile Zweitkopie von Organisation, Rollen und Prozessen. Seine Lösung: Context Engine, Policy Engine und Execution Layer direkt in der Plattform des System of Record (der führenden Datenbasis, etwa für Personal und Finanzen), mit dem Scope der vertretenen Person statt dauerhafter Generalschlüssel.
Der Kern ist richtig. Wirksam ist nur, dass der Agent eine Befugnis gar nicht erst erhält.
Eingehegt ist nicht regelkundig
Eine Policy Engine, die jeden Weg um die mehrstufige Freigabe verweigert, macht den Agenten nicht regelkundig, sondern eingehegt. Er bleibt ohne Begriff der Regeln und stößt nur an ihre Grenzen. Man kann ihn einen regelgebundenen Agenten nennen: Er handelt in Vorgaben, die andere gesetzt haben. Für Prüfschritte wie Freigabestufen, Berechtigungen und Fristen genügt das. Wo die Regel eine Beurteilung verlangt, etwa bei der Frage, ob ein Contractor selbständig ist, erzwingt die Engine nur, dass geprüft wird, nicht, dass richtig geprüft wird. Das ist eine Einschätzung; im Artikel steht dazu nichts.
Konfiguration, Reichweite, Unabhängigkeit
Monroy begründet die Nähe damit, dass Leitplanken vom lebenden Unternehmenszustand abhängen, von Organisation, Berechtigungen und Prozessen, wie sie eingerichtet sind. Das System kennt aber nicht das Gesetz, sondern dessen Umsetzung durch das Unternehmen. Ein Konfigurationsfehler, den ein Mensch durch Rückfrage vielleicht auffängt, wird für den Agenten zur Rechtslage. Außerdem endet die Nähe an der Plattformgrenze, sobald der Agent mit Lieferanten, Banken oder Behörden arbeitet. Dort kehrt sich Monroys Argument, jeder Grenzübertritt koste Vertrauensprüfung und Tempo, gegen die Plattformlösung.
Am aufschlussreichsten ist ein Punkt, den der Beitrag nicht berührt: Nähe stärkt Aktualität und Tempo, schwächt aber Unabhängigkeit. Stellt derselbe Anbieter Agent, Inferenz und Regeldurchsetzung, fallen Handelnder und Kontrolleur in eine Hand. Die Prüffrage „Wo laufen die Guardrails?” fragt nach dem Ort, nicht nach der unabhängigen Überprüfung.
Wohin sich die Arbeit verlagert
Der Beitrag rechnet nur eine Seite. Die Kosten des Nachbaus beziffert Monroy lediglich mit dem Hinweis auf Millionen, belegt sie aber nicht. Kosten der eigenen Lösung und Produktivitätsgewinn in Zahlen fehlen. Michael Jensen und William Meckling unterscheiden in „Theory of the Firm: Managerial Behavior, Agency Costs and Ownership Structure” (1976) bei jeder Delegation Überwachungskosten, Selbstbindungskosten und einen verbleibenden Verlust. Monroys Architektur senkt den Restverlust und verlagert den Aufwand in die Überwachung. Die Kosten verschwinden nicht, sie wechseln die Kostenstelle:
- Ausnahmebehandlung: Was die Engine verweigert, landet bei Menschen. Standardfälle wandern zum Agenten, Beurteilungsfälle bleiben, der Aufwand je Fall steigt. Dazu kommen Warteschlangen an den Freigabestellen und Verweigerungsschleifen, wenn der Agent an Sperren Alternativen probiert.
- Regelpflege: Was bisher durch Erfahrung gelöst wurde, muss explizit in Rollen und Regeln stehen und mit Recht und Organisation mitwandern. Jede Lücke zwischen Rechtsänderung und Regelanpassung ist ein Zeitfenster, in dem der Agent nach altem Stand handelt. Das Shadow ERP kehrt als Pflegeaufwand der Regelschicht zurück.
- Evaluierung: Testfälle, Stichproben und Nachweise für Prüfer, wiederkehrend, weil schon ein Modellwechsel das Verhalten verändern kann.
- Überwachung: Lisanne Bainbridge beschrieb 1983 in „Ironies of Automation”: Je verlässlicher ein System läuft, desto seltener greift der Mensch ein und desto schlechter kann er es, wenn es darauf ankommt. Übertragen auf Agenten, was eine Annahme ist, können Freigaben zur Formsache werden, während die Haftung beim Unternehmen bleibt. Misstraut der Prüfer dem Vorschlag, prüft er fast so aufwendig, wie er selbst entschieden hätte.
- Abhängigkeit: Oliver Williamson beschreibt in „Markets and Hierarchies” (1975) das Hold-up-Problem: Wer spezifisch in eine Beziehung investiert, steht bei Nachverhandlungen schwächer da. Regeln, Rollen und Evaluierung an einen Anbieter zu binden, ist eine solche Investition.
Eine Rechnung ohne Zahlen
Der Nettoeffekt je Vorgangstyp ergibt sich vorläufig aus eingesparter Bearbeitungszeit abzüglich Ausnahmequote mal Aufwand je Ausnahme, Prüfaufwand, anteiliger Regelpflege und Evaluierung, erwarteten Fehlerkosten sowie Plattform- und Wechselkosten. Zahlen müssten Unternehmen selbst erheben. Qualitativ:

Daraus folgt eine prüfbare These: Der Gewinn ist dort am größten, wo Governance am wenigsten gebraucht wird. Wo sie am meisten gebraucht wird, fressen Prüf‑, Pflege- und Evaluierungskosten ihn am schnellsten auf.
Einordnung
Monroy leitet einen Anbieter, dessen Produkt das System of Record ist. Der Beitrag erschien im Gastautorenprogramm von VentureBeat, das sich als neutral und ohne Eigeninteresse beschreibt. Dass der Schluss mit dem Produktportfolio zusammenfällt, entwertet den Befund nicht, verlangt aber, beide getrennt zu prüfen.
Vorläufig gilt: Die Diagnose trägt. Das Näheprinzip ist eine plausible Antwort für regelgebundene Vorgänge innerhalb einer Plattform, verlagert aber Arbeit in Ausnahmebehandlung, Regelpflege und Evaluierung und erhöht die Abhängigkeit vom Anbieter. Ob der Produktivitätsgewinn nach diesen Posten bleibt, ist offen und hängt vom Vorgangstyp ab. Offen bleibt auch, wie Governance aussieht, wenn Agenten systemübergreifend arbeiten oder selbst Regeln vorschlagen und ändern.
Ralf Keuper
Quellen
- Gabe Monroy: Your AI agents can execute every tool call correctly and still break every enterprise rule, VentureBeat, 12.10.2026
Literatur
- Lisanne Bainbridge: Ironies of Automation, in: Automatica 19 (1983)
- Michael C. Jensen, William H. Meckling: Theory of the Firm: Managerial Behavior, Agency Costs and Ownership Structure, in: Journal of Financial Economics 3 (1976)
- Oliver E. Williamson: Markets and Hierarchies: Analysis and Antitrust Implications, New York 1975
