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SAP-Chef Christian Klein sieht in KI-Agenten die größte Wachstumschance in der Geschichte des Konzerns und hat dafür das „autonome Unternehmen“ ausgerufen. Im selben Atemzug räumt er ein, dass kein Agent in kritischen Unternehmensbereichen je vollständig autonom handeln werde. Dieser Vorbehalt ist mehr als eine Beruhigungsformel. Er verschiebt die Frage, wo der Wert agentischer Software entsteht, von der Technik zur institutionellen Einbettung. Und er begrenzt das Versprechen, mit dem SAP um die Gunst der Investoren wirbt.
Christian Klein ist seit 1999 bei SAP und führt den Walldorfer Softwarekonzern seit 2019 als Vorstandsvorsitzender. Nachdem er in den Jahren zuvor die Verlagerung des Geschäfts in die Cloud vorangetrieben hat, richtet er SAP nun konsequent auf KI-Produkte aus. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin sprach er von der größten Chance für einen weiteren echten Schub; die Möglichkeit, dass SAP noch einmal über sich hinauswachse, sei nie größer gewesen. Mit seiner Software zur Unternehmenssteuerung, seinem Branchenwissen und der Fülle an Daten wolle der Konzern einen einzigartigen Vorteil ausspielen.
Man kann diese Sätze als das lesen, was sie auf den ersten Blick sind: die übliche Zuversicht eines Konzernchefs. Aufschlussreicher ist, was sie nebenbei preisgeben.
Die Botschaft hinter der Botschaft
Der unscheinbarste Satz der Meldung ist der wichtigste: Investoren erwarteten eine Umsatzbeschleunigung. Im Jahr 2025 wuchs der SAP-Umsatz um acht Prozent auf 36,8 Milliarden Euro, getragen vom Cloudgeschäft. Das ist für einen Konzern dieser Größe solide, aber keine Wachstumsgeschichte, die allein eine Bewertung als KI-Gewinner trüge. Hinzu kommt, dass der wachsende Einsatz von KI-Agenten bei den Kunden nicht nur SAP, sondern die gesamte Branche der Mietsoftware (Software as a Service, kurz SaaS) unter Druck setzt.
Der Grund dafür ist schlicht. Ein großer Teil der Unternehmenssoftware wird nach Nutzern abgerechnet. Wenn ein Agent Aufgaben übernimmt, für die bislang ein Dutzend Sachbearbeiter mit eigener Lizenz nötig war, schrumpft die Abrechnungsbasis, auch wenn der Nutzen für den Kunden steigt. Kleins Superlative sind vor diesem Hintergrund weniger Ausdruck von Übermut als eine Antwort auf eine Sorge, die er nicht ausspricht. Sie sind offensiv formuliert, aber defensiv motiviert.
Das unfreiwillige Eingeständnis
Bemerkenswert ist Kleins Begründung, warum SAP eigene Agenten baut: Allein auf die großen Sprachmodelle bekannter KI-Firmen zu setzen, hätte den Konzern austauschbar gemacht. Darin steckt ein Eingeständnis. Die Modellschicht, also die großen Sprachmodelle, auf denen Agenten aufsetzen, bedroht die Anwendungsschicht, in der SAP seit Jahrzehnten zu Hause ist. Wer nur die Oberfläche zu einem fremden Modell liefert, liefert ein ersetzbares Produkt.
SAPs Gegenwette lautet: Der Wert entsteht nicht im Modell, sondern dort, wo der Agent verankert ist, in Geschäftsprozessen, Stammdaten und Unternehmenssteuerung. Die These ist plausibel, aber sie ist bislang allenfalls vorläufig gestützt, nicht belegt. Und sie wird von Klein schwächer begründet, als es möglich wäre.
Denn die „Fülle an Daten“, auf die er verweist, gehört in erster Linie den Kunden, nicht SAP. Was SAP tatsächlich besitzt, ist etwas anderes: die Verwachsung seiner Systeme mit den Ordnungen, in denen Unternehmen handeln. Buchungslogiken, Freigabestufen, Prüfpfade für die Wirtschaftsprüfung, Berechtigungskonzepte und die Zuordnung von Zuständigkeiten sind in SAP-Systemen nicht nur abgebildet, sondern über Jahrzehnte eingeübt. Ein Agent, der in diesem Gefüge arbeitet, erbt dessen Regeln, dessen Nachvollziehbarkeit und dessen Haftungsketten. Ein Agent, der von außen auf dieselben Daten zugreift, erbt sie nicht. Der eigentliche Burggraben ist nicht der Datenbestand, sondern die institutionelle Einbettung.
Der Widerspruch im Produktnamen
Auf einer Kundenkonferenz Mitte Mai in den USA hat SAP das „autonome Unternehmen“ vorgestellt. Eine einheitliche KI-Plattform soll die Geschäftsabläufe der Kunden optimieren, Agenten sollen Ergebnisse liefern und Kosten senken. Im Berliner Gespräch fügt Klein hinzu, die Kunden würden den Agenten schrittweise mehr Verantwortung übertragen. Doch ein KI-Agent werde in kritischen Unternehmensbereichen auch künftig nicht zu hundert Prozent autonom agieren; am Ende trage immer ein Mensch die Verantwortung.
Dieser Vorbehalt ist die realistischere der beiden Aussagen, und er ist wirtschaftlich folgenreicher, als er klingt. Wenn an jedem kritischen Punkt ein Mensch die Verantwortung trägt, dann muss dieser Mensch das Handeln des Agenten verstehen, prüfen und im Zweifel verantworten können. Die Produktivitätsgewinne sind damit durch die Kapazität der Kontrolle gedeckelt. Ein Agent kann nur so viel schneller arbeiten, wie die Verantwortlichen hinter ihm mitkommen, oder die Verantwortung wird zur bloßen Unterschrift unter Vorgänge, die niemand mehr durchdringt. Beides ist kein technisches Problem, sondern ein organisatorisches.
Genau hier liegt die unterschätzte Pointe. Was SAP anbietet, sind im Kern keine autonomen Akteure, sondern regelgebundene: Agenten, die innerhalb eines fremden, vom Kunden verantworteten Regelwerks handeln, dieses Regelwerk aber weder entwerfen noch legitimieren. Das ist keine Schwäche des Angebots, sondern vermutlich seine Voraussetzung. Nur ein Agent, der erkennbar in bestehende Zuständigkeiten eingebunden bleibt, wird in Finanzbuchhaltung, Einkauf oder Personalwesen überhaupt zugelassen werden. Der Begriff „autonomes Unternehmen“ verspricht mehr, als das Produkt halten darf.
Die Folge ist eine Verschiebung der Managementaufgabe. Die entscheidende Arbeit besteht nicht mehr darin, Agenten im laufenden Betrieb zu beaufsichtigen, sondern vorab festzulegen, welche Entscheidungen sie treffen dürfen, an welcher Stelle ein Mensch eingreift und wie diese Übergabe dokumentiert wird. Diese Gestaltung der Verantwortungsschnittstelle kann SAP unterstützen, aber nicht übernehmen. Sie liegt beim Kunden. Wer das „autonome Unternehmen“ kauft, kauft damit vor allem eine neue Organisationsaufgabe.
Die offene Margenfrage
Ungeklärt bleibt in Kleins Äußerungen, wie SAP an den versprochenen Produktivitätsgewinnen verdienen will. Der Konzern sitzt zwischen zwei Seiten. Auf der einen stehen die Anbieter von Rechenleistung und Sprachmodellen, deren Kosten bei jedem Agenteneinsatz anfallen. Auf der anderen stehen Kunden, die Einsparungen sehen wollen, bevor sie höhere Preise akzeptieren. Ob SAP Agenten nach Verbrauch, nach erzielten Ergebnissen oder weiter über Lizenzen abrechnet, entscheidet darüber, ob die „größte Chance“ zu Umsatz wird oder nur Kosten zwischen den Beteiligten verschiebt. Die Aussage, die Agenten erzielten enorme Produktivitätsgewinne, bleibt ohne eine einzige Zahl eine Behauptung.
Die nüchterne Lesart
Es gibt eine weniger glamouröse, aber möglicherweise treffendere Deutung der KI-Offensive. Ein erheblicher Teil der SAP-Bestandskunden betreibt noch ältere Generationen der Unternehmenssoftware, während SAP seine neuen Agentenfunktionen auf die eigene Cloud-Plattform ausrichtet. Wer Agenten will, muss migrieren. Die KI-Erzählung könnte damit vor allem den Cloud-Umbau beschleunigen, den Klein seit Jahren betreibt. Das wäre ein realer Wachstumstreiber, nur ein anderer als der, von dem in Berlin die Rede war.
Die strategische Grundentscheidung, sich über die Prozessschicht statt über die Modellschicht zu behaupten, spricht für ein nüchternes Verständnis der eigenen Lage. Ob sie trägt, hängt jedoch weniger an der Leistungsfähigkeit der Agenten als an der Frage, ob Unternehmen die Verantwortungsstrukturen aufbauen, in denen diese Agenten arbeiten dürfen. Kleins Vorbehalt zur Autonomie benennt diese Bedingung. Sein Produktname verdeckt sie.
Ralf Keuper
Quellen
- heise online: SAP-Chef sieht historische Wachstumschance durch KI-Produkte – https://www.heise.de/news/SAP-Chef-sieht-historische-Wachstumschance-durch-KI-Produkte-11467558.html
- Tagesspiegel (dpa): Softwarekonzern: SAP-Chef sieht historische Wachstumschance durch KI-Produkte – https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/dpa-softwarekonzern-sap-chef-sieht-historische-wachstumschance-durch-ki-produkte-16100394.html
