Vierzig Jahre vor Chat­G­PT, Mas­ter­card Agent Pay und der gegen­wär­ti­gen Welle agen­tis­ch­er Pro­tokolle hat ein CEO in Cuper­ti­no bere­its all das beschrieben, was heute als dis­rup­tive Neuheit verkauft wird: einen sprachges­teuerten Wis­sensas­sis­ten­ten mit lern­fähi­gen Soft­ware-Agen­ten „im Inneren der Seele des Com­put­ers”, der Daten­banken durch­forstet, Gewohn­heit­en kopiert und als Entschei­dungs­ge­hil­fe fungiert. Ein Blick zurück in John Scul­leys Meine Kar­riere bei Pep­si­co und Apple zeigt, wie wenig die heutige Agen­ten­rhetorik ihrer eige­nen Geschichte gewach­sen ist – und an welch­er Stelle Scul­ley einen Gedanken for­muliert, der ger­ade jet­zt wieder zu denken wäre.


Es gehört zu den wiederkehren­den Eigen­tüm­lichkeit­en der dig­i­tal­en Branche, dass sie ihre Zukun­ft­sen­twürfe regelmäßig für uner­hört neu hält. Wer in Scul­leys 1987 erschienen­er Auto­bi­ografie blät­tert – einem Buch, das in den Bahn­hofs­buch­hand­lun­gen der späten Achtziger neben Iacoc­ca und Akio Mori­ta stand und heute höch­stens noch anti­quar­isch zirkuliert –, find­et eine Pas­sage, die man jed­er gegen­wär­ti­gen Keynote über agen­tis­che KI als Mot­to voranstellen kön­nte. Scul­ley beschreibt dort sein Konzept des Knowl­edge Nav­i­ga­tor: ein Gerät ohne Tas­tatur, das per Sprache bedi­ent wird, in hochaufgelöster Bildqual­ität antwortet, „mass­geschnei­dertes Wis­sen” liefert und in dessen Innerem „intel­li­gente Soft­ware-Agen­ten” resi­dieren, die die Gewohn­heit­en ihres Nutzers ler­nen, im Hin­ter­grund Daten­banken durch­forsten und „let­ztlich entschei­dende objek­tive Beobachter” wer­den. Der Agent, schreibt Scul­ley, sei „ihr Entschei­dungs­ge­hil­fe” – eine For­mulierung, die sich naht­los in die Pro­duk­tankündi­gun­gen von Anthrop­ic, Ope­nAI oder Mas­ter­card des Jahres 2026 ein­fü­gen ließe.

Man kön­nte es dabei belassen und die Stelle als kuriose Antizipa­tion zu den Akten leg­en. Doch Scul­leys Text ver­di­ent ein zweites Lesen, weil er an ein­er Stelle etwas for­muliert, das die heutige Debat­te ger­ade nicht mit­führt – und weil das Ver­hält­nis zwis­chen Vision und Ein­lö­sung selb­st zum Gegen­stand wer­den muss, sobald man die vierzig Jahre dazwis­chen ernst nimmt.

Die unausgesprochene Diagnose: Institutionen oder Individuen

Bevor Scul­ley den Knowl­edge Nav­i­ga­tor beschreibt, stellt er eine Frage, die in der eupho­rischen Lek­türe meist über­lesen wird: Warum, fragt er, hat die Infor­ma­tion­stech­nolo­gie der achtziger Jahre trotz drama­tisch sink­ender Kosten und steigen­der Leis­tungs­fähigkeit so wenig Pro­duk­tiv­itäts­gewinn gebracht? Seine Antwort ist ana­lytisch präzis­er, als es der weit­ere Text ver­muten lässt. Das Prob­lem, so Scul­ley, liege darin, dass man die Tech­nik auf die Insti­tu­tio­nen angewen­det habe statt auf die Indi­viduen in ihnen. Man habe ver­sucht, Organ­i­sa­tio­nen schneller arbeit­en zu lassen, statt Men­schen dabei zu helfen, „phan­tasievolle neue Meth­o­d­en zum besseren Arbeit­en zu ent­deck­en”.

Diese Unter­schei­dung ist alles andere als triv­ial. Sie benen­nt – ohne den Begriff zu ver­wen­den – genau jene Dif­ferenz, die Luh­mann später als die zwis­chen Organ­i­sa­tion und Bewusst­sein, zwis­chen Entschei­dungssys­tem und psy­chis­chem Sys­tem bes­timmt hat. Scul­ley diag­nos­tiziert, dass die Infor­ma­tisierung der achtziger Jahre an dieser Dif­ferenz scheit­erte, weil sie ver­suchte, Kom­mu­nika­tion­sstruk­turen durch Werkzeugzu­fuhr zu opti­mieren, statt die Voraus­set­zun­gen indi­vidu­eller Erken­nt­nis­ar­beit zu verän­dern. Sein Knowl­edge Nav­i­ga­tor ist als Antwort auf diese Diag­nose gemeint: ein Werkzeug für die Per­son, nicht für die Organ­i­sa­tion.

Genau hier wird die Stelle inter­es­sant, weil die heutige Agen­ten­de­bat­te exakt den umgekehrten Weg eingeschla­gen hat. Die agen­tis­chen Pro­tokolle, die in den ver­gan­genen Monat­en von Mas­ter­card, Klar­na, Azoma oder den großen Cloud-Anbi­etern lanciert wer­den, sind zuallererst Infra­struk­turen für insti­tu­tionelle Anschlussfähigkeit – Schnittstellen zwis­chen Unternehmen, Stan­dards für Authen­tifizierung und Bezahlung, Gov­er­nance-Architek­turen für Mas­chine-zu-Mas­chine-Kom­mu­nika­tion. Vom Scul­leyschen Ver­sprechen, dem Indi­vidu­um ein Werkzeug der Phan­tasie an die Hand zu geben, ist in den Spez­i­fika­tions­doku­menten dieser Pro­tokolle nichts mehr zu lesen. Der Agent ist wieder, was er bei Scul­ley ger­ade nicht sein sollte: ein Opti­mier­er insti­tu­tioneller Abläufe.

Die eingelösten und die uneingelösten Versprechen

Es lohnt sich, Scul­leys Vision ein­mal nüchtern auf das hin zu prüfen, was tat­säch­lich Real­ität gewor­den ist. Die Spracheingabe – ein­gelöst. Der hochau­flösende, far­bige Bild­schirm – ein­gelöst. Die Syn­chronüber­set­zung als Aufhe­bung der Sprach­bar­riere – im Wesentlichen ein­gelöst, wenn auch nicht ganz so weltverän­dernd wie die Wirkung des Flugzeugs, wie Scul­ley erwartete. Die Ver­füg­barkeit „allen Wis­sens der Welt in Com­put­ern” – for­mal ein­gelöst, materiell prekär­er als jede frühere Bib­lio­thek­sor­d­nung. Auch die Meta­pher des Agen­ten, der Gewohn­heit­en lernt und im Hin­ter­grund arbeit­et, ist heute keine Speku­la­tion mehr.

Was hinge­gen nicht ein­gelöst wurde – und was die Dif­ferenz zwis­chen Scul­leys Text und der Gegen­wart aus­macht – ist das Ver­sprechen der Per­spek­tiven­vielfalt. Scul­ley erwartete vom Nav­i­ga­tor, dass er den Nutzer zwingt, dieselbe Frage durch ver­schiedene Fen­ster zu betra­cht­en: die Struk­tur leben­der Zellen neben dem Net­zw­erk der Weltwirtschaft, die Architek­tur des Parthenon neben dem Design ein­er japanis­chen Kam­era, die Tiefen der Zen-Philoso­phie neben Bilanzkenn­zahlen. Der Knowl­edge Nav­i­ga­tor sollte – das ist sein utopis­ch­er Kern – die Spezial­isierung auf­brechen, die das zwanzig­ste Jahrhun­dert über die Wis­sensar­beit ver­hängt hat­te. Er sollte ein Instru­ment der Gen­er­al­isierung sein, ein Werkzeug gegen die funk­tionale Dif­feren­zierung, in einem Gle­ichgewicht zwis­chen ver­tieftem Wis­sen und beweglich­er Analo­giebil­dung.

Die heuti­gen Sprach­mod­elle kön­nten dieses Ver­sprechen tech­nisch ein­lösen – sie sind, qua Train­ings­ma­te­r­i­al, die ersten Maschi­nen, die Analo­gien zwis­chen Zen-Philoso­phie und Bilanzkenn­zahlen tat­säch­lich ziehen. Was sie nicht tun, ist, ihre Nutzer zu solchen Analo­gien zu zwin­gen. Im Gegen­teil: Die dom­i­nante Nutzungs­form opti­miert auf Effizienz im Spezial­fach, auf das schnellere Erledi­gen vorgegeben­er Auf­gaben, auf die Reduk­tion von Suchkosten inner­halb beste­hen­der Rou­ti­nen. Wo Scul­ley einen Beweger in die Tiefe und in die Bre­ite zugle­ich ver­sprach, liefert die heutige Agen­te­nar­chitek­tur einen Beschle­u­niger des Beste­hen­den. Die PR-Schere, die zwis­chen bei­dem liegt, wird umso unsicht­bar­er, je ver­trauter die Vok­a­bel „Agent” gewor­den ist.

Der Agent in der Seele des Computers

Eine let­zte Beobach­tung ver­di­ent die merk­würdi­ge For­mulierung, mit der Scul­ley den Agen­ten ein­führt: er werde sich „im Inneren der Seele des Com­put­ers” befind­en. Das ist offen­sichtlich Mar­ket­ing­sprache – und doch ver­rät sie etwas, was die heutige Debat­te ver­drängt. Scul­ley denkt den Agen­ten nicht als Mod­ul, nicht als Schnittstelle, nicht als API. Er denkt ihn als kon­sti­tu­tiv­en Bestandteil der Mas­chine, als das, was den Com­put­er über­haupt erst zu einem Wis­senswerkzeug macht. Der Agent ist bei ihm keine Anwen­dung auf der Plat­tform, son­dern das, was die Plat­tform ist.

Diese Denk­fig­ur ist deshalb anschlussfähig, weil sie die heute entschei­dende Frage präjudiziert: Wem gehört der Agent? Bei Scul­ley gehört er dem Nutzer – er sitzt in sein­er Mas­chine, lernt seine Gewohn­heit­en, arbeit­et in seinemAuf­trag. Bei den gegen­wär­ti­gen agen­tis­chen Pro­tokollen ist genau das offen, und zwar in ein­er Weise, die Scul­ley ver­mut­lich befremdet hätte. Der Agent resi­diert auf den Servern eines Anbi­eters, lernt aus dem aggregierten Ver­hal­ten von Mil­lio­nen, und seine Loy­al­ität ist eine Frage der Geschäfts­be­din­gun­gen, nicht der Architek­tur. Die „Seele” des Com­put­ers – um in Scul­leys Bild zu bleiben – wohnt nicht mehr im Com­put­er.

Genau an dieser Stelle wird Scul­leys vierzig Jahre alter Text zu ein­er pro­duk­tiv­en Irri­ta­tion. Er erin­nert daran, dass die Frage, wo ein Agent sitzt und wem er dient, nicht erst durch europäis­che Reg­ulierung gestellt wurde, son­dern bere­its zur ursprünglichen Vision gehörte – und dass sie auf dem Weg von der Vision zur Imple­men­tierung schlicht vergessen wurde. Wer heute über insti­tu­tionell situ­ierte Agen­ten nach­denkt, über Legit­i­ma­tion und Rege­len­twurf, über die Dif­ferenz zwis­chen regelin­tel­li­gen­ten und rege­len­twer­fend­en Maschi­nen, der find­et bei Scul­ley keine Antwort – aber eine erste, unge­naue, in Wer­be­prosa einge­hüllte Form der­sel­ben Frage. Das ist mehr, als die meis­ten Whitepa­pers des Jahres 2026 bieten.

Ralf Keu­per 


Quelle: John Scul­ley, Meine Kar­riere bei Pep­si­co und Apple, deutsche Aus­gabe (Orig­i­nal: Odyssey: Pep­si to Apple, 1987).

Zuerst erschienen auf Econ­lit­tera

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