Die meis­ten KI-Ange­bote für den Mit­tel­stand kreisen um Effizienz, Automa­tisierung und dig­i­tale Trans­for­ma­tion. Dabei wird überse­hen, was KI eigentlich leis­ten kön­nte: das Auf­spüren strate­gis­ch­er Nutzen­poten­ziale, die im eige­nen Betrieb bere­its angelegt sind – aber nie­mand sieht. Cuno Pümpin hat dafür vor Jahrzehn­ten den Begriff geprägt. Es wird Zeit, ihn wiederzuent­deck­en.


Das falsche Ver­sprechen der Effizienz

Wer heute KI-Beratung für den Mit­tel­stand anbi­etet, ver­spricht meis­tens das­selbe: schnellere Prozesse, weniger Aufwand, mehr Out­put mit weniger Ressourcen. Das ist nicht falsch – aber es ist erschreck­end wenig. Denn Effizien­zgewinne inner­halb beste­hen­der Struk­turen verän­dern die Grundbe­din­gun­gen nicht. Sie machen ein Unternehmen schneller auf einem Weg, dessen Rich­tung nie hin­ter­fragt wurde.

Der eigentliche Wert von KI liegt ander­swo. Nicht in der Automa­tisierung des Bekan­nten, son­dern in der Ent­deck­ung des bish­er Unerkan­nten.

Pümpin und die strate­gis­chen Erfol­gspo­si­tio­nen

Der Schweiz­er Strate­gi­ethe­o­retik­er Cuno Pümpin entwick­elte in den 1980er Jahren das Konzept der strate­gis­chen Erfol­gspo­si­tio­nen (SEP) – Fähigkeit­en und Ressourcen, die einem Unternehmen erlauben, langfristig über­durch­schnit­tliche Leis­tun­gen zu erbrin­gen. Sein Ansatz unter­schei­det sich grundle­gend von der damals dominieren­den Port­fo­lio­pla­nung: Nicht Mark­t­po­si­tio­nen wer­den analysiert, son­dern interne Stärke­poten­ziale. Die entschei­dende Frage ist nicht „Wo ste­hen wir im Markt?”, son­dern „Was kön­nen wir bess­er als andere – und wis­sen es möglicher­weise selb­st noch nicht?”

Dieser Per­spek­tivwech­sel ist für den Mit­tel­stand unter KI-Bedin­gun­gen hochak­tuell. Denn viele KMU ver­fü­gen über Kom­pe­ten­zen, Dat­en und Erfahrungswis­sen, das in Jahrzehn­ten oper­a­tiv­er Prax­is akku­muliert wurde – aber nie sys­tem­a­tisch aus­gew­ertet, nie strate­gisch adressiert, nie als Poten­tial begrif­f­en wurde. Es schlum­mert in Rekla­ma­tion­shis­to­rien, in Fer­ti­gungspa­ra­me­tern, in Kun­denko­r­re­spon­den­zen, in Mate­ri­al­test­pro­tokollen.

Die epis­temis­che Falle

Das Prob­lem ist nicht Unwilligkeit. Es ist struk­turelle Unsicht­barkeit. Im Tages­geschäft eines Kle­in­stun­ternehmens – wo eine Per­son Geschäfts­führer, Ver­trieb, Einkauf und Feuer­wehr zugle­ich ist – gibt es keinen Stand­punkt, von dem aus latente Poten­ziale sicht­bar wer­den kön­nten. Man fährt auf Sicht, oper­a­tiv, reak­tiv. Das ist keine Schwäche, son­dern die ratio­nale Antwort auf per­ma­nente Ressourcenknap­pheit.

KI kann diese epis­temis­che Schranke par­tiell über­winden – aber nur dann, wenn sie als Ent­deck­ungsin­stru­ment einge­set­zt wird. Nicht als Assis­tent für Rou­tineauf­gaben, son­dern als ana­lytis­ches Werkzeug, das Daten­muster sicht­bar macht, die dem men­schlichen Blick im All­t­ag ent­ge­hen.

Was sind die Pro­duk­te, die trotz niedriger Marge immer nachge­fragt wer­den – und warum? Welche Mate­ri­alkom­bi­na­tio­nen erzeu­gen sys­tem­a­tisch weniger Auss­chuss, ohne dass das je aus­gew­ertet wurde? Welche Kun­den reklamieren nie – und was sagt das über die Pass­ge­nauigkeit bes­timmter Leis­tun­gen aus? Welche Fer­ti­gungspa­ra­me­ter kor­re­lieren mit über­durch­schnit­tlich­er Pro­duk­tlebens­dauer?

Das sind keine abstrak­ten Strate­giefra­gen. Das sind oper­a­tive Daten­fra­gen – und genau deshalb sind sie mit KI ange­hbar.

Nutzen­poten­ziale statt Trans­for­ma­tionsver­sprechen

Pümpin sprach von Nutzen­poten­zialen als dem rohen Mate­r­i­al strate­gis­ch­er Entwick­lung: Ressourcen und Fähigkeit­en, die noch nicht voll­ständig erschlossen sind. Im Kon­text von Pro­dukt- und Prozessin­no­va­tion bedeutet das konkret: Durch KI-gestützte Analyse kann ein Unternehmen her­aus­find­en, an welchen Stellen Mate­ri­al­sub­sti­tu­tio­nen die Belast­barkeit von Pro­duk­ten erhöhen wür­den, ohne die Kosten zu steigern. Oder wo Prozess­pa­ra­me­ter so justiert wer­den kön­nten, dass Energie­ver­brauch und Auss­chuss gle­ichzeit­ig sinken. Oder welche bish­er ver­nach­läs­sigten Pro­duk­teigen­schaften bei bes­timmten Kun­denseg­menten den höch­sten Wert erzeu­gen.

Das ist keine Trans­for­ma­tion. Das ist gezielte Nutzenent­deck­ung – inner­halb der vorhan­de­nen Pro­dukt- und Kun­den­struk­tur, ohne strate­gis­chen Neustart, ohne Mark­trepo­si­tion­ierung. Es set­zt keine neuen Optio­nen voraus. Es erschließt, was bere­its vorhan­den ist.

Was Beratung und Net­zw­erke leis­ten müssten

Daraus fol­gt eine unbe­queme Kon­se­quenz für Beratungsange­bote und Förder­for­mate: Die meis­ten set­zen an der falschen Stelle an. Sie erk­lären KI-Tech­nolo­gien, ver­mit­teln Anwen­dungswis­sen, organ­isieren Work­shops zu Prompt­ing und Automa­tisierung. Das ist nicht wert­los – aber es ist die sub­op­ti­male Rei­hen­folge.

Wer Pümpin ernst nimmt, muss mit Diag­nos­tik begin­nen. Nicht mit Tech­nolo­gie. Die erste Leis­tung wäre: ein Unternehmen ana­lytisch durch­leucht­en, seinen Kom­pe­tenz- und Datenbe­stand kartieren, latente Stärken iden­ti­fizieren – und erst dann fra­gen, wo KI als Werkzeug zur Nutzenent­deck­ung anset­zt. Diag­nos­tik vor Tech­nolo­gie. Ent­deck­ung vor Imple­men­tierung.

Das erfordert Tiefe­n­analyse, Kon­tex­twissen und Zeit. Es lässt sich nicht stan­dar­d­isieren und nicht in einem halbtägi­gen Work­shop abbilden. Genau deshalb ist es kom­merziell unat­trak­tiv – und genau deshalb wird es kaum ange­boten.

Ein über­fäl­liger Per­spek­tivwech­sel

Pümpin hat sein Konzept in ein­er Zeit entwick­elt, in der Date­n­analyse noch ein exk­lu­sives Instru­ment großer Unternehmen war. Heute ist die ana­lytis­che Kapaz­ität, die für SEP-Analyse nötig wäre, prinzip­iell auch für KMU zugänglich – durch KI-gestützte Auswer­tung betrieblich­er Dat­en, durch sprach­basierte Analyse von Kun­den­feed­back und Qual­itäts­doku­men­ta­tion, durch Mus­ter­erken­nung in Fer­ti­gungs­dat­en.

Die Frage ist nicht, ob die Tech­nolo­gie vorhan­den ist. Die Frage ist, ob die Akteure begin­nen, die richti­gen Fra­gen zu stellen. Nicht: „Wie kön­nen wir KI ein­führen?” Son­dern: „Was wis­sen wir über uns selb­st noch nicht – und was würde es bedeuten, wenn wir es wüssten?”

Ralf Keu­per 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert