Zwis­chen Neu­ron und Schaltkreis: John von Neu­manns unvol­len­dete Vision
„The Com­put­er and the Brain” von John von Neu­mann ist ein unvol­len­detes, visionäres Werk aus den 1950er Jahren, das die Architek­tur dig­i­taler Com­put­er mit der Funk­tion­sweise des men­schlichen Gehirns ver­gle­icht und fun­da­men­tale Par­al­le­len sowie Unter­schiede aufzeigt. Es ist eines jen­er sel­te­nen Büch­er, die man nicht liest, um Antworten zu erhal­ten – son­dern um zu begreifen, welche Fra­gen wirk­lich zählen.


Im Früh­jahr 1956 begann John von Neu­mann, einen Essay zu schreiben, den er nie been­den sollte. Die Sil­li­man Lec­tures an der Yale Uni­ver­si­ty warteten auf ihn; sein Kör­p­er nicht. Knochenkrebs ließ ihm kaum Zeit. Was blieb, waren 82 Seit­en – dicht, präzise, speku­la­tiv –, die nach seinem Tod 1957 posthum veröf­fentlicht wur­den. „The Com­put­er and the Brain” ist kein fer­tiges Buch. Es ist ein Denkp­fad, der mit­ten im Wald abbricht. Und genau darin liegt seine eigen­tüm­liche Kraft.

Von Neu­mann war zu diesem Zeit­punkt längst eine wis­senschaftliche Leg­ende. Er hat­te die Grun­dar­chitek­tur des mod­er­nen Dig­i­tal­rech­n­ers mit­geprägt – den sequen­ziellen Auf­bau mit Rechen­werk, Steuere­in­heit und Spe­ich­er, der bis heute den Kern nahezu jedes Com­put­ers bildet und zu Recht seinen Namen trägt. Nun aber wen­dete er seinen Blick von der Mas­chine ab und dem Organ zu, das diese Maschi­nen über­haupt erst erdacht hat­te: dem men­schlichen Gehirn. Der Ver­gle­ich, den er anstellte, war nicht metapho­risch gemeint. Er war math­e­ma­tisch.

Präzi­sion als Erken­nt­nis­mit­tel

Der erste Teil des Essays wid­met sich der Funk­tion­sweise dig­i­taler Rech­n­er – und zwar mit ein­er Strenge, die keinen Leser schont. Von Neu­mann unter­schei­det analoge von dig­i­tal­en Sys­te­men, erläutert die Notwendigkeit hoher Präzi­sion (dig­i­tale Sys­teme arbeit­en mit Genauigkeit­en von 1:10.000 und mehr), und beschreibt Spe­icher­hier­ar­chien, deren Zugriff­szeit­en von Nanosekun­den bis zu Sekun­den reichen. Er erk­lärt Mark­er-Sys­teme – natür­liche Sprache auf der einen, binäre Codes auf der anderen Seite –, logis­che Steuerung­sprinzip­i­en und das Konzept „ein Organ pro Bas­is­funk­tion”.

Was dabei auf­fällt: Von Neu­mann schreibt nicht über Com­put­er, als hätte er sie erfun­den. Er schreibt über sie, als wären sie ein Natur­phänomen, das er ger­ade ent­deckt – dis­tanziert, neugierig, fast ent­fremdet. Das gibt dem Text eine ana­lytis­che Kälte, die gle­ichzeit­ig erhel­lend und beun­ruhi­gend ist. Der Kon­struk­teur betra­chtet seine Kon­struk­tion wie ein Fremder.

Das Gehirn als Rechen­mas­chine – aber als welche?

Der zweite Teil ist der eigentlich rev­o­lu­tionäre. Von Neu­mann nähert sich dem Gehirn nicht als Biologe, son­dern als Infor­matik­er und Math­e­matik­er. Er stellt fest: Neu­ro­nen operieren binär. Sie feuern – oder sie feuern nicht. Das „Alles-oder-Nichts”-Prinzip erin­nert an das Schal­ten dig­i­taler Schaltkreise. Zeit­muster und Fre­quen­zen kodieren Infor­ma­tion. Insofern ist das Gehirn, funk­tion­al betra­chtet, ein dig­i­tales Sys­tem.

Aber dann kommt die entschei­dende Wen­dung. Von Neu­mann schätzt die Präzi­sion des Gehirns auf nur etwa ein Prozent – ein Wert, der jeden Inge­nieur verzweifeln lassen würde. Ein Com­put­er bei ver­gle­ich­bar­er Fehler­rate wäre unbrauch­bar. Das Gehirn hinge­gen funk­tion­iert nicht nur – es denkt, lernt, erin­nert sich, träumt. Wie ist das möglich?

Die Antwort liegt in der Architek­tur. Während Com­put­er sequen­ziell und mit hoher Einzel­präzi­sion operieren, ver­lässt sich das Gehirn auf mas­sive Par­al­lelität. Mil­lio­nen von Pfaden arbeit­en gle­ichzeit­ig. Fehler wer­den nicht kor­rigiert – sie wer­den sta­tis­tisch aufge­wogen. Das Gehirn ver­wen­det, so von Neu­manns For­mulierung, prob­a­bilis­tis­che Codes, nicht deter­min­is­tis­che. Es ist kein präzis­es Gerät, das unge­naue Ergeb­nisse liefert – es ist ein unge­naues Gerät, das durch struk­turelle Redun­danz zu ver­lässlichen Ergeb­nis­sen gelangt. Ein fun­da­men­tal anderes Rechen­prinzip.

Zudem: Das Gehirn ist ener­getisch extrem effizient und plas­tisch – es verän­dert sich durch Erfahrung. Neu­ro­nen brauchen Mil­lisekun­den, wo Vaku­um­röhren Mikrosekun­den benöti­gen. Doch durch Par­al­lelisierung holt das Gehirn diesen Rück­stand nicht nur auf, son­dern über­trifft jede zeit­genös­sis­che Mas­chine in schi­er unvorstell­baren Bere­ichen.

Die unvol­len­dete dritte Frage

Von Neu­mann deutete eine dritte Sek­tion an, die er nicht mehr schreiben kon­nte. Sie hätte die Imp­lika­tio­nen seines Ver­gle­ichs für Math­e­matik und Logik disku­tiert. Was bedeutet es für unser Ver­ständ­nis von Wahrheit, Beweis und Berech­nung, wenn das Gehirn – das Organ, das Math­e­matik betreibt – selb­st nach anderen Geset­zen funk­tion­iert als die Math­e­matik, die es pro­duziert? Ist for­male Logik vielle­icht eine Vere­in­fachung, eine Pro­jek­tion, ein Not­be­helf?
Diese Frage bleibt offen. Sie bleibt es bis heute.

Nach­leben und anhal­tende Rel­e­vanz

Spätere Aufla­gen des Buch­es wur­den mit Vor­worten verse­hen, die das Spek­trum der Rezep­tion abbilden. Klara von Neu­mann, seine Witwe, schrieb per­sön­lich über den Mann hin­ter dem Werk. Die Neu­rowis­senschaftler Patri­cia und Paul Church­land verorteten den Essay im Kon­text mod­ern­er Hirn­forschung. Ray Kurzweil schließlich – im Jahr 2000 – lobte die Von-Neu­mann-Architek­tur als Fun­da­ment der gesamten mod­er­nen IT, betonte aber zugle­ich, dass neu­ronale Net­ze und expo­nen­tielle Leis­tungssteigerun­gen (Stich­wort: Tur­ing-Äquiv­alenz biol­o­gis­ch­er Sys­teme) das Ver­hält­nis zwis­chen Mas­chine und Geist neu ver­han­deln.

Genau hier liegt die bleibende Bedeu­tung des Essays. Es ist kein his­torisches Doku­ment über den Früh­com­put­er. Es ist ein konzep­tioneller Seis­mo­graph, der Erschüt­terun­gen reg­istri­erte, die wir erst heute voll spüren: die Frage, ob sym­bol­isch-deter­min­is­tis­che KI über­haupt der richtige Weg ist; die Debat­te über neu­ronale vs. regel­basierte Sys­teme; die Fasz­i­na­tion für Brain-Com­put­er-Inter­faces; die Hoff­nung und Skep­sis gegenüber kün­stlich­er All­ge­mein­er Intel­li­genz.
Was bleibt

„The Com­put­er and the Brain” ist kein leicht zugänglich­es Buch. Es ver­langt dem Leser Konzen­tra­tion ab, es set­zt Bere­itschaft zur Abstrak­tion voraus, und es endet ohne Auflö­sung. Aber es tut etwas, das großar­tige wis­senschaftliche Essays immer tun: Es verän­dert die Fra­gen, die man danach stellt.

Von Neu­mann zeigte, dass Com­put­er und Gehirn zwar bei­de rech­nen – aber auf so grundle­gend ver­schiedene Weise, dass eine ein­fache Gle­ich­set­zung intellek­tuell unredlich ist. Und er ließ offen, was das bedeutet: für die Zukun­ft der Maschi­nen, für das Ver­ständ­nis des Geistes, für die Math­e­matik selb­st.

In ein­er Zeit, in der KI-Sys­teme täglich neue Fähigkeit­en demon­stri­eren und die Debat­te über maschinelle Intel­li­genz kaum je präzis­er wird, ist das ein lesenswert­er Ein­wand gegen die Vere­in­fachung. Ein Ein­wand aus dem Jahr 1957. Noch immer unbeant­wortet.

Ralf Keu­per


Quellen:

The Com­put­er & the Brain. Fore­word by Ray Kurzweil 

Ralf Keu­per: John von Neu­mann (Vater des dig­i­tal­en Zeital­ters) https://denkstil.bankstil.de/john-von-neumann-vater-des-digitalen-zeitalters

Ralf Keu­per: Wie John von Neu­manns Vision von der Fab­rikau­toma­tisierung die KI-Ära prägte https://ki-agenten.eu/wie-john-von-neumanns-vision-von-der-fabrikautomatisierung-die-ki-aera-praegte/

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