Elon Musk will mit KI-Agenten ganze Softwareunternehmen replizieren. Die Vision folgt einem Muster, das seit der Frühindustrialisierung bei jeder Automatisierungswelle auftaucht: Organisationen seien letztlich nur Bündel von Routinen, die sich technisch nachbilden lassen. Doch diese funktionale Reduktion übersieht systematisch, was Unternehmen jenseits ihrer ausführbaren Funktionen ausmacht – und warum gerade dieser unsichtbare Rest über Bestand oder Verschwinden entscheidet.
Elon Musk hat mit seiner Ankündigung, KI-Agenten könnten ganze Softwarefirmen ersetzen1Musk will mit KI ganze Softwarefirmen ersetzen, eine Debatte ausgelöst, die auf den ersten Blick technischer Natur scheint. Die Vision ist eingängig: Hunderte spezialisierte Agenten programmieren, testen, generieren Content und bedienen Software – ein „Software-Konzern im Kasten”, der große Teile von Development, Operations und Produktion automatisiert. Microsoft ließe sich, so die implizite Behauptung, durch ein gut orchestriertes Agentensystem replizieren.
Doch bei genauerer Betrachtung handelt es sich hier weniger um eine technische Prognose als um eine ontologische Aussage über die Natur von Organisationen. Die These lautet: Eine Firma ist im Wesentlichen die Summe ihrer ausführbaren Funktionen. Code schreiben, Tests durchführen, Bilder generieren, Software bedienen – wenn all diese Tätigkeiten durch KI-Agenten übernommen werden können, wird die institutionelle Hülle überflüssig.
Diese Behauptung ist nicht neu. Sie taucht bei jeder Automatisierungswelle in variierter Form auf und folgt einem erkennbaren Muster. In der Frühindustrialisierung hieß es, eine Manufaktur sei letztlich nur die Summe handwerklicher Tätigkeiten, die sich durch Fließbänder effizienter organisieren ließen. Mit der ersten Digitalisierungswelle galt das Unternehmen als Summe von Informationsprozessen, die sich in ERP-Systemen abbilden ließen. Die Platform Economy versprach, traditionelle Vermittler seien nichts anderes als Matching-Funktionen, die sich algorithmisch ersetzen ließen. Nun also: Die Softwarefirma als Summe von Code-Routinen, replizierbar durch KI-Agenten.
Das wiederkehrende Muster lautet stets: funktionale Reduktion plus technische Replikation ergibt Obsoleszenz der institutionellen Schicht. Organisationen werden auf ihre beobachtbaren, formalisierbaren Tätigkeiten reduziert, und sobald diese automatisierbar sind, erscheint die Organisation selbst als verzichtbar.
Was dabei systematisch übersehen wird, ist die Frage, was Organisationen jenseits ihrer Funktionsbündel ausmacht. Unternehmen sind nicht nur Träger von Routinen, sondern Vertrauens- und Koordinationssysteme. Sie akkumulieren Kontextwissen darüber, welche Probleme überhaupt relevant sind und was in einem spezifischen Umfeld als „gute Lösung” gilt. Sie tragen Reputation, die verlässliches Handeln über Zeit signalisiert. Sie entwickeln implizite Qualitätsstandards und Mechanismen zur Konfliktlösung, die in keinem Funktionskatalog auftauchen, aber über den Wert ihrer Leistungen entscheiden.
Musks Vision eines „AI-first organization”, in dem KI-Agenten die primäre Belegschaft bilden und Menschen nur noch orchestrieren, überschätzt den Anteil des Routinehaften und unterschätzt den Anteil des Kontextuellen. Microsoft verkauft nicht primär Code, sondern Verlässlichkeit in komplexen Enterprise-Kontexten. Der Wert liegt nicht in eleganten Algorithmen, sondern im akkumulierten Verständnis dessen, wie 500.000 Unternehmenskunden arbeiten, welche regulatorischen Anforderungen gelten und wie sich unterschiedliche Systeme über Jahrzehnte hinweg integrieren lassen. Dieses Wissen ist nicht explizit formalisiert, sondern in Organisationsroutinen, Kundenbeziehungen und Erfahrungswerten gebunden.
Die eigentlich interessante Frage lautet daher nicht, ob Softwarefirmen verschwinden werden, sondern wie sich die Grenze zwischen dem Automatisierbaren und dem institutionell Gebundenen verschiebt. Dass große Teile der Routineprogrammierung – Boilerplate-Code, Standardtests, einfache Integrationen – durch KI-Agenten übernommen werden können, steht außer Frage. Die Schätzung, dass 60 bis 80 Prozent klassischer Softwarearbeit automatisierbar sind, erscheint durchaus plausibel. Doch gerade die verbleibenden 20 bis 40 Prozent definieren, wer im Markt besteht und wer nicht.
Diese Restfunktion umfasst Produktvision unter Unsicherheit, Architekturentscheidungen in komplexen Legacy-Umgebungen, Kundenverständnis jenseits standardisierter Use Cases und die Fähigkeit, implizite Qualitätsansprüche zu interpretieren und umzusetzen. Je routinehafter eine Tätigkeit, desto replizierbar durch Automatisierung. Je mehr sie auf implizitem Wissen, Kontext und Vertrauensbeziehungen beruht, desto persistenter bleibt die institutionelle Schicht.
Das bedeutet nicht, dass sich nichts ändert. Der Druck auf mittlere und kleinere Softwarehäuser wird erheblich steigen, sobald agentische Systeme zur Standardausstattung werden. Firmen, deren Wertschöpfung primär auf Standardimplementierungen beruht, werden entweder selbst zu Plattformkunden oder durch Margendruck aus dem Markt gedrängt. Große Player werden KI intern industrialisieren, statt sich von externen Plattformen ersetzen zu lassen. Es entsteht eine neue Arbeitsteilung: weniger klassische Linienprogrammierung, mehr Bedarf an Architekten, Produktleuten und Spezialisten für „AI Operations”, die Agenten-Ökosysteme orchestrieren.
Doch diese Verschiebung folgt nicht dem Muster „technische Replikation macht Institutionen obsolet”, sondern dem Muster „Automatisierung verschiebt die Wertschöpfung auf höhere Abstraktionsebenen”. Die Softwarefirma der Zukunft wird weniger Code schreiben, aber sie bleibt notwendig als Träger von Kontextwissen, Reputation und Koordinationsfähigkeit. Musks Vision eines vollautomatisierten Software-Konzerns unterschätzt genau diesen unsichtbaren Rest – jenen Teil organisationaler Wertschöpfung, der sich nicht in Funktionskatalogen abbilden lässt, aber darüber entscheidet, ob Kunden zahlen und ob Systeme verlässlich funktionieren.
Die historische Erfahrung zeigt: Automatisierung eliminiert nicht Organisationen, sondern verändert, wofür sie gebraucht werden. Die Manufaktur verschwand nicht durch das Fließband, sondern reorganisierte sich darum herum. ERP-Systeme eliminierten nicht Unternehmen, sondern schufen neue Anforderungen an Prozesssteuerung und Datengovernance. Plattformen ersetzten nicht alle Vermittler, sondern verlagerten deren Wertschöpfung auf Kuratierung, Vertrauen und Qualitätssicherung.
Entsprechend wird agentische KI Softwarefirmen komplett verschwinden lassen, sondern deren Wertschöpfung neu definieren. Der Anteil des Automatisierbaren steigt, aber damit wächst auch die Bedeutung dessen, was nicht automatisierbar ist – und genau dafür bleiben Organisationen unverzichtbar.
Ralf Keuper
