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Von Ralf Keuper
Die Bedeutung der Business Rules, der Geschäftsregeln, für reibungslose Abläufe eines Unternehmens fällt bei der Diskussion um die Einsatzmöglichkeiten der KI häufig unter den Tisch. Es entsteht zuweilen der Eindruck, dass künftig Softwarecode ebenso wie Prozesse — ad hoc — bei Bedarf von KI-Agenten, die direkt auf die Daten zugreifen, generiert werden können. Diese Sichtweise ist gewiss nicht abwegig, jedoch lässt sie laut Mario Defelipe in “Agentic AI” in SAP is about your Business Rules, not your Data Model die Tatsache außer Acht, dass es die Geschäftsregeln und nicht Datenmodelle sind, die bestimmen, was in einem Unternehmen getan wird und was nicht1vgl. dazu: SAP bewegt sich in Richtung Multiagentensysteme2vgl. dazu: KI-Agenten als Ausgangspunkt für ein neues Softwareparadigma.
Business Rules sind die tief verwurzelten Arbeitsabläufe, Logiken und Konfigurationen, die definieren, wie eine Anwendung für eine bestimmte Organisation funktioniert. Diese Regeln sind dynamisch und passen sich im Laufe der Zeit den spezifischen Prozessen und Bedürfnissen jedes Unternehmens an. Beispiele sind:
- Workday: Wird zu einem System, das auf die spezifischen Richtlinien und rechtlichen Anforderungen eines Unternehmens abgestimmt ist.
- Salesforce: Entwickelt sich im Laufe der Nutzung zu einem Repository proprietärer Prozesse, die den Verkaufsansatz des Unternehmens leiten.
- SAP: Beinhaltet Aspekte wie Preisgestaltung und Lieferantenmanagement.
Ein zentraler Aspekt von Business Rules ist ihre Rolle bei der Schaffung von Lock-in-Effekten.
Wenn Unternehmen SaaS-Plattformen konfigurieren, wird die Software zunehmend spezialisiert und Teil der Organisation. Dies bedeutet, dass ein Wechsel zu einer anderen Plattform nicht nur eine Datenmigration, sondern auch eine Neugestaltung der Kernprozesse erfordert.
Die langfristige Nutzung von Software führt zwangsläufig dazu, dass diese sich stärker an das Unternehmen anpasst und weniger wie ein Standardprodukt wirkt. Business Rules repräsentieren Jahre iterativer Anpassungen und ein vertieftes Verständnis spezifischer Bedürfnisse der Organisation. Selbst wenn man die Benutzeroberfläche oder grundlegende Funktionalitäten kopieren könnte, würde das Fehlen dieser tief verwurzelten Regeln laut Defelipe zu einem nicht funktionalen Tool führen.
Defelipe geht auch darauf ein, wie KI dieses Paradigma stören könnte, indem sie Benutzeroberflächen ersetzt. Intelligente Agenten würden direkt mit Rohdaten interagieren, wobei die zugrunde liegenden Business Rules weiterhin entscheidend für die Funktionsweise der Agenten bleiben3vgl. dazu: AI Agents. The end of SaaS?.
Business Rules sind Direktiven, die festlegen, was in bestimmten Situationen getan werden sollte oder nicht. Sie sind in Software-Systemen wie SAP eingebettet oder in Handbüchern dokumentiert. Diese Regeln sind entscheidend für die Definition, Verwaltung und Ausführung von Geschäftsprozessen.
Ein Szenario, in dem KI-Agenten die derzeitige IT-Struktur vollständig ersetzen, ist laut Defelipe mit der derzeitigen Technologie unwahrscheinlich. Dazu müssten die derzeit geltenden Regeln für den Datenzugriff und die Sicherheit über Bord geworfen werden.
Das nach meiner Auffassung (RK) realistischste Szenario beschreibt Defelipe so:
SaaS-Produkte lassen sich in hohem Maße an die individuellen Bedürfnisse und Arbeitsabläufe der Benutzer anpassen. Die Benutzer trainieren ihre Agenten so, dass sie bestimmten Arbeitsabläufen folgen, bestimmte Sicherheitsrichtlinien durchsetzen oder sogar nach vom Benutzer festgelegten Kriterien optimieren. Dadurch wird SaaS zu einem weitaus vielseitigeren Werkzeug, fast ein Werkzeug für jeden Benutzer, die Steigerung von Low Code und No Code. Dies erfordert große KI-Agent-Frameworks, die noch nicht gebaut sind.